Steve im Himmel

01.01.2005:
Anita aus Berlin

Der Schmerz hatte aufgehört als alles dunkel um Steve wurde. Alles war schwarz als ob es die Helligkeit nie gegeben hätte. Doch da, ein weißes Licht am Ende. Es wurde immer größer. Was würde dort am Ende sein?

Kaum darüber nachgedacht stand er vor einer riesigen Stadt. Die Sonne blendete ihm ins Gesicht und es stand kein Wölkchen am Himmel. Auch andere Leute waren gerade angekommen und schauten verwirrt um sich herum. Überall standen Personen, die den Neuankömmlingen Flugblätter in die Hand drückten und mit ihnen redeten.

Ein seltsam aussehender Mann mit einem weißen Anzug lief nun mit einem Megafon auf sie zu, holte tief Luft und verkündete:

"Willkommen im Himmel, Neuankömmlinge. Ich möchte sie darum bitten, sich gleich an diesen Stand dort zu begeben. (er zeigte auf ein kleines, kioskähnlich aussehendes Häuschen) Dort werden ihnen ihre Adressen zugeteilt. Ich hoffe es wird ihnen hier gefallen und sie haben einen angenehmen Aufenthalt."

Und so schnell wie er gekommen war, war er auch schon wieder verschwunden.

Nun kam auch eine Frau auf Steve zu und drückte ihm ein Flugblatt in die Hand.

"Schon überlegt, was sie nun nach ihrem Tod machen wollen? Vielleicht ist das ja was für sie."

Sie zwinkerte ihm zu und ging zu einer Frau, der sie dann das gleiche sagte. Steve schaute sich das Papier an. Darauf stand als Überschrift:

 

Werden sie Schutzengel

 

Erschrocken steckte er das Papier zerknüllt in die Hosentasche.

Steve konnte sich jetzt nicht zu diesem albernen Häuschen begeben, denn er war total verwirrt. Überall auf dem Boden lagen bunte Zettelchen mit irgendwelchen Überschriften.

"Werden sie guter Geist", "Werden sie Todesengel", "Werden sie Sortierer(in) der Todesbücher", "Werden sie Verwalter(in) der Todesdaten".

Er sah sich die Stadt an, holte tief Luft und versuchte sich zu konzentrieren. Er rieb sich den Kopf. So viele Wolkenkratzer hatte er noch nie gesehen und Supermärkte gab es auch in Massen. Überall liefen gestresste Leute herum und er hörte eine Polizeisirene.

O.K., er wusste er war gestorben, aber war das wirklich der Himmel? Der Himmel, wo alle nach ihrem Tod hinkommen wollten? Der Himmel, wo man sich alles wünschen konnte und alles in Erfüllung ging? War der Himmel nicht ein friedlicher Ort wo alle glücklich waren? Aber wieso hatte er eine Polizeisirene gehört? Und wieso sah der Himmel aus wie eine riesige Stadt?

Da kam ein Mann in Lumpen auf ihn zu. Seine Klamotten waren zerfetzt und dreckig. Er sah Steve fest in die Augen blieb stehen und fragte: "Haste 'n paar Almosen für nen alten Mann der Hunger hat und sich was zu Essen kaufen will?"

Er streckte seinen Arm aus und öffnete erwartungsvoll die Hand.

Steve schaute ihn ungläubig an. Die Hitze der brennenden Sonne zermürbte förmlich seine Gehirnzellen. Eine Schweißperle rann ihm über die Stirn.

Kaufen? Im Himmel brauchte man doch kein Geld. Es kam einem alles in den Mund geflogen oder zumindest umsonst ins Haus geliefert. Er musste träumen. Genau. Er hatte nur geträumt, dass er gestorben war und bald würde er aufwachen.

Er ließ den Bettler stehen, rempelte ihn förmlich an und rannte zum "Kiosk"

"Ähm...ich hätte gerne mein Haus zugeteilt." Meinte er zu einer alten Frau, die in der kleinen Nische saß und ihn durch ihre dicken Brillengläser misstrauisch anstarrte. Ihr Haar war schneeweiß.

"Ein Haus also...vielleicht noch einen Swimmingpool und Pamela Anderson dazu?" grinste sie ihn an und ließ ein verabscheuungswürdiges Lachen von sich hören.

"Name?" fragte sie dann.

"Bitte?"

"Ich hätt' gern ihren Namen gewusst!" sagte sie genervt.

"Äh... Steve Peter Louis."

"Danke!" antwortete sie mit herunterhängenden Mundwinkeln, stand auf, kramte eine zeitlang hinten im Stübchen herum und kam mit einem riesigem Buch wieder.

"So. Ich habe hier alle Menschen, die Steve Peter Louis heißen. Würden sie bitte so freundlich sein, mir die Schule zu nennen, auf die sie gegangen sind?"

Steve schaute sich das Buch an und stotterte: "Äh...ich bin zuletzt auf die St. Paul-Georgs Schule gegangen..."

Wieder blätterte die Frau eine zeitlang herum.

"Heute ist ein Steve Peter Louis, der auf die St. Paul-Georgs Schule gegangen ist, gestorben. Das sind dann wohl sie."

"Ach ja? Sind sie sich sicher? Nicht dass sie sich vertun und ich ganz woanders lande..." stichelte Steve, denn er war sauer, dass die Frau so unhöflich war. Doch sie holte tief Luft und redete los:

"Sie sind Manager einer Firma gewesen, die Pleite gegangen ist und haben als Kind ihre Haustiere gequält. Nach dem Toilettengang haben sie sich fast nie die Hände gewaschen und sie haben nur einmal in der Woche geduscht. Ihre Unterwäsche...."

"Jaja ist ja gut. Meine Adresse bitte!"

"Sie wohnen in der 1243. Straße Nummer 78.330. Ach ja, sie haben zwei von ihren Freundinnen mit einer anderen betrogen. Seien sie also froh, dass man sich trotzdem entschieden hat, sie in den Himmel einzulassen."

Die Frau gab ihm einen Zettel wo die Adresse draufstand und lächelte gewinnend. Steve riss es ihr aus der Hand und lächelte immer noch höflich, obwohl er innerlich brodelte.

"Dort hinten steht ein Bus, der sie zu den Tausenderstraßen fährt. Danach müssen sie in den 200er Bus steigen, bis zur Entstation und dann eine Weile laufen. Ihr Namensschild hängt schon an der Klingel. Und sie erhalten von uns, weil sie Neuankömmling sind etwas Geld, da sie ja keins haben. Sie sind ja frisch gestorben, nicht wahr? Also, das sind 150 Schillers. (sie schüttete ihm ein Paar silberne Münzen in die Hand) Vergessen sie nicht, sich eine Fahrkarte zu kaufen. Und hier sind die Schlüssel ihrer Wohnung. Ich wünsche ihnen noch einen angenehmen Tag. DER NÄCHSTE BITTE?!"

 

Es war Abend geworden als Steve aus den 200er Bus stieg und sich vor Erschöpfung auf eine kleine Bank neben der Haltestelle setzte. Während der Fahrt hatte er vieles gesehen, was ihn noch mehr zum grübeln gebracht hatte. Die Stadt war so groß, es schien so, als hätte sie kein Ende. Na ja, aber wenn in dieser Stadt alle Toten hinkommen würden, musste die Stadt auch sehr groß sein. An den Straßen gab es wirklich viele Geschäfte und Nichts, aber auch gar nichts ließ sich darauf schließen, dass er im Himmel sein sollte. Und Außerdem: Hatten Engel nicht weiße, wunderschöne Flügel? Warum hatte die hier keiner? Steve wollte einfach nur schlafen. Er war an der Station "1243. Straße" ausgestiegen und musste nun die Hausnummer 78.330 suchen. Er stand auf und da viel ihm auf, dass er inmitten tausender Hochhäuser stand, die mindestens 100 Stockwerke hatten. Es sah so aus als ob sie ihn von oben anschauten und ihn auslachten. Er schaute auf die Hausnummer des ersten Hauses, das er sah. Es war die Nummer 01. Seine Augen weiteten sich. Er musste zur Nummer 78.220 und er war bei Nummer 01? Er war so verzweifelt, dass er beschloss, auf der Bank zu übernachten. Doch da kam ein Taxi vorbei und er entschloss sich anders. Das Busticket hatte nur einen "Schiller" gekostet und somit konnte er die Taxifahrt bestimmt auch bezahlen. Das Auto war ganz weiß doch oben stand unverkennbar "Taxi". Steve rannte auf die Straße, hob die Hand und rief : "Taxi!" Das Auto hielt an und die Tür öffnete sich automatisch. Er stieg ein. Auch der Innenraum war Schneeweiß. Die Sitzpolster, das Lenkrad, einfach alles. Am Steuer saß ein alter Mann, der weiß angezogen war. Er hatte einen sehr langen Bart und tief sitzende Augenränder.

"Sie sollten nicht so lebensmüde auf die Straße springen mein Herr. Das könnte schlimm enden. Obwohl...sie sind ja eh schon tot..." Der alte Mann lächelte Steve an und erwartete von ihm, dass er zurücklächelte. Aber so gern er es getan hätte, er konnte es einfach nicht.

"Können sie mich zur Hausnummer 78.330 fahren? Ich bin sehr müde und möchte so schnell wie möglich schlafen."

Der alte Mann guckte wieder ernst und nickte. Dann fuhr er los. Nach einer Weile fragte er: "Es tut mir Leid, aber kann ich sie etwas fragen?"

"Ja, wenn sie möchten."

"Sie sehen so verzweifelt aus. Kann ich ihnen helfen?"

Steve überlegte nicht lange. Er hatte so viele Fragen und endlich würde er eine Antwort darauf erhalten.

"Ja, also wissen sie...ich bin neu hier und das ist hier alles so komisch...das klingt jetzt sicher albern für sie..." Jetzt musste Steve lächeln und der alte Mann lächelte zurück.

"Nein, ganz und gar nicht, ich verstehe sie vollkommen. Als ich hier ankam, war ich auch vollkommen verwirrt, aber man gewöhnt sich an alles."

"Da bin ich froh."

"So. Wir sind da." Sagte der alte Mann.

"Schon? Das ging aber schnell."

"Das macht dann bitte 3.50 Schillers."