Manchmal wird's auch ernst

So gegen halb eins in der Nacht verschlug es mich ins tiefste Farmsen. Ich hatte seriöse, nette Fahrgäste, die dort ihr Eigenheim hatten. Nach der Bezahlung und dem entsprechendem Tip ging es dann wieder Richtung Innenstadt.

 

In der Nähe der U-Bahnstation Farmsen hielt ich an einer roten Ampel. Ein Mann, so um die 55, kam torkelnd auf mein Taxi zu und für mich gab's kein zurück... Er stieg ein ! "Ich weiß gar nich', wo ich bin." begrüßte mich der ziemlich besoffene Kerl. "Klasse, das gibt 'ne Tour nach Harburg.", hoffte ich. "Einmal zur U-Bahn Wandsbek Gartenstadt." - "Okay, U-Bahn Wandsbek Gartenstadt..." erwiderte ich - aus der Traum von der großen Tour.

 

Ich fuhr dann durch die Straße "Am Luisenhof", die überwiegend durch einen Park führt, nur einen Fußweg hat und zweispurig ist. Der Kommentar meines Fahrgastes: "Wir sind jah auwe Audobaahn !!! Was masu auwe Audobaahn ???" - "Äh, wir sind nicht auf der Autobahn. Das ist hier Am Luisenhof..." - "Auwe Audobahn... Du weißt doch gar nich' wo du bist..." - "Nein ! Wir sind nicht auf der Autobahn !!!" Zum Glück kam dann die (hoffentlich) rettende Ampel. "Guck ! Da vorne ist 'ne Ampel. Wir sind nicht auf der Autobahn. Und da biege ich links in die Haldesdorfer Straße !" - "Das is' nich' die Haldesdower Strase. Ich kenn doch die Haldesdower Strase." - "Natürlich ist das die Haldesdorfer Straße..." - nerv.

 

So ging es dann noch in der Haldesdorfer Straße weiter. Er war der Überzeugung, das wir nicht dort waren und meinte von mir, daß ich es auch nicht wüßte.

Ich fuhr langsamer, um ihn ein Straßenschild zu zeigen, doch er war so breit, daß er es nicht lesen konnte. Schließlich sollte ich anhalten und er verlangte von mir, die Polizei zurufen, da ich nicht weiß, wo ich bin. Mmh, alles klar.

 

So fing eine kleine Diskussion an, da ich für den Kinderkram keine Polizei rufen wollte. Ich sagte noch: "Siehst du die Ampel da vorne ? Wenn sie rot ist, dann sind wir in eineinhalb Minuten bei dir. Bei grün schaffen wir es in einer." Ich hatte keine Chance. Da er die Tür offen hatte, konnte ich auch nicht los fahren. Aussteigen wollte er auch nicht. Auch nicht, nachdem ich ihn sagte, daß er nicht bezahlen bräuchte...

 

Und dann kam der Satz von ihm: "Ich hau dir gleich richtich auf's Maul." - "Wie bitte ? Sach das nochmal !", antwortete ich und drückte anschließend die Funktaste und hielt sie gedrückt, ohne das er es bemerkte. "Ich sagte, ich hau dir gleich richtig auf's Maul..."- "...sechs eins sieben, Haldesdorfer Straße 115. Ist mal ein Kollege in der Nähe ?", fügte ich hinzu und ließ die Funktaste los. Mehrere Kollegen bestätigten mit ihrer Funknummer meinen 'Hilferuf' und die Funkerin wiederholte meinen Standort, mit dem Hinweis, daß sie die Polizei rufen würde. Es ging alles so schnell, daß mein Fahrgast gar nicht so richtig wußte, was los war.

 

Er brabelte noch irgendwelches Zeug, doch ich war mehr damit beschäftigt, Fragen der Funkerin zu beantworten. Nach 20 Sekunden war der erste Kollege da. In den folgenden zwei Minuten kam noch fünf Kollegen dazu. Man hörte überall den Funk aus den Taxen, die mit Warnblinklicht mitten in der Nacht auf der Haldesdorfer Straße standen.

 

Mein Fahrgast war mittlerweile ein wenig aufgeregt: "Was machen die hier alle ?" - "Hey, du hast ein Problem ! Sag einem Taxifahrer nie, daß du ihm auf's Maul hau'n willst." - "Und was ist jetzt ?" - "Jetzt warten wir auf die Polizei. Jetzt bekommst du sie." - "Und dann ? Was machen die denn mit mir ?" - "Tjaaa, das weis ich auch nicht, das ist nicht mein Job."

Naja, er wollte dann noch, daß ich die Kollegen alle wegschicke und die Polizei 'abbestelle', denn auf einmal glaubte er mir. Er erkannte auf einmal die Haldesdorfer Straße.

 

Nach unglaublich schnellen fünf Minuten kam dann auch schließlich die Polizei mit einem ziemlich spektakulären Abbiegemannöver angeheizt, so richtig mit quietschenden Reifen und so... Sie nahmen die Personalien auf und fragten mich, ob ich Anzeige erstatten möchte. Ich verneinte, da der Kerl ja ziemlich breit war. Die Kollegen machten sich dann auch langsam auf den Weg. Irgendwann fragte dann mein Fahrgast den Polizisten: "Und ? Wie komm ich jetzt nach Hause ? Fährt der mich noch nach Hause ?" Nagut, fahr ich ihn noch nach Hause. "Aber pups mich nicht wieder so von der Seite an.", lautete meine Bedingung.

 

Die Polizei fuhr dann noch hinter mir her, bis zu ihm. Dort angekommen ging es dann wieder los: "Bisu bescheuert ! 27,40 ! Viel zu teuer !" - "Hey, für 12 Mark hättest Du hier sein können, aber du wolltest es nicht anders..." Aber da öffnete der Polizist auch schon die Tür. "Hat der überhaupt 'nen Führerschein ?" , fragte er den Polizisten. Der sagte aber nur: "Ja, natürlich hat der 'nen Führerschein.", wandte sich zu mir und fragte mich, ob mein Fahrgast noch etwas Wechselgeld bekommen würde. "Zwei Mark sechzig." antwortete ich. Der Polizist sah meinen Fahrgast an: "Ein bißchen Tip hättest du ihm ja geben können."...