Lost Generation (Teil 2)

01.01.2004:
Wolfgang Raker aus Westerkappeln

Teil 1 Teil 2 Teil 3

 

City 1-3 am Domhof frei! Der ticker zeigt domshof, weibl.st.dr. Das bedeutet: am Domshof steht eine weibliche Person draußen. Der Domshof befindet sich in relativer Nähe zu dem Platz, an dem ich den ersten Fahrgast abgesetzt habe, der mit dem Herrenausstatter... Das scheint nicht, wie befürchtet, eine schlechte Schicht zu werden, denke ich und fahre los.

 

Vor mir im Scheinwerferlicht eine attraktive, teuer gekleidete Frau so um die 40, vielleicht 50, man weiß heutzutage ja nicht genau, wie alt die Frauen sind, gesondert die, die 'sich etwas leisten können'. Man sieht ihnen das Kinderkriegen nicht an - wenn die überhaupt welche kriegen - so wie noch bei unseren Großmüttern oder die Arbeit auf dem Hof, in der Küche...

 

Fitnessstudios, 'Anti-Aging' Therapien und Wellness Studios bzw. Beauty Farmen sorgen für eine lupenreine, zeitlose Attraktivität. Spuren gelebten Lebens werden einfach 'weg-ge-aged'. Ich frage mich, für wen die das machen, denn den Gesprächen der Mehrzahl meiner Kollegen und Kolleginnen nach zu urteilen, kann das wenig oder gar nichts mit den langjährigen Lebensgefährten oder Ehepartnern zu tun haben. Da regiert nach meiner Erfahrung zumeist der Frust. Wenn die Männer mal 'Gas geben wollen', sind sie meistens nicht in der Stimmung, oder sie verweisen darauf, dass 'Das' doch nun wirklich nicht das Wichtigste im Leben sei. Außerdem ist das, was er gerne habe, nicht das, wie sie 'Es' gerne habe... Ihr Männer versteht uns Frauen ohnehin nicht, was impliziert, dass sie, die Frauen, die besseren Menschen seien... Darüber hinaus sei das Äußere nun wirklich nicht das Wichtigste! Der Gründe gibt es viele!

 

Ich bringe den Wagen zum Stehen und steige aus, um die Tüten im Kofferraum zu verstauen.

"Guten Abend, wohin soll's denn gehen?", frage ich und bekomme als Antwort: "... nach Wallenhorst, bitte, Hollage, Hinter den Höfen, aber wir müssen noch auf meinen Mann warten, der hat noch einen Mandanten getroffen!"

 

Während wir warten, steckt sie sich zunächst eine Zigarette an und beginnt ein Gespräch mit einer der üblichen Fragen: "Jetzt zur Weihnachtszeit ist sicher viel zu tun, nicht ?!". Ich kann nicht anders, als diese eigentlich rhetorische Frage zu beantworten, denn wirklich will sie das nicht wissen. Es folgt dann auch, nachdem sie mich 'gescannt' hat, der persönliche Teil der Konversation:

 

"Das sind dann sicher lange Nächte, nicht, wenn dann später die vielen Betrunkenen nach Hause wollen? Ich könnte das nicht, nein wirklich nicht!"

"Ach, das ist nicht so dramatisch," erwidere ich, "zwischendurch hat man schon mal Zeit, einen Latte Macchiato zu trinken oder einen Blick in die Zeitung zu werfen."

 

Ihr Mann, auf den wir warten, kommt mit geöffnetem Mantel, dunkelblaues Tuch, Cashmereschal, auf uns zu. Es ist der, den ich zuvor hierher gefahren hatte.

"Guten Abend, wir kennen uns doch." sagt er und klopft mir jovial auf meine Schulter, wobei er seine verdutzt blickende Frau anschaut.

 

Das war nicht der Blick, mit dem sie ihr Entsetzen über seine Umgangsformen ausdrücken wollte, auch nicht der, mit dem Frauen ihres Milieus Distanz herstellen wollen. Es war eher der Blick, den Frauen ihres Standes an den Tag legen, wenn sie die Standesunterschiede deutlich machen wollen und hoffen, dass sich die beiden Männer nicht aus länger zurückliegenden, möglicherweise 'dunklen' Zeiten kennen.

 

Das Reservoir an Ausdrucksmöglichkeiten, um diese Unterschiede zu markieren, ist groß; meistens ist es schon die Sprache, mit der sie diese deutlich machen, zumindest verwenden sie einen entsprechenden Code als 'Marker', etwa so: "Es ist sicher nicht einfach, als Taxifahrer seinen Unterhalt verdienen zu müssen, in der heutigen Zeit, nicht?!", womit sie gesagt hat

1. Taxi fahren ist ein hartes Brot

2. Damit kann man nicht reich werden (wie ich es bin!)

3. Was muss das für ein Mann sein, der das machen muss!?

 

Wichtig ist auch das eingeschobene 'nicht', womit der Anschein einer gewissen Verwirrtheit aufgezeigt werden soll, so, wie sie 'zerstreute Professoren' in alten Filmen an den Tag legen.

Die 4. Aussage: Ich bin recht gebildet.

 

In Verbindung mit der entsprechenden Gestik wird aus dieser Art von Zeit strukturierenden Dialogen oft eine klare Abgrenzung und Wiederherstellung der Rangordnung.

 

"Ihr kennt euch?"

 

"Ja, der nette Herr hat mich hierher gefahren und wir haben vereinbart, dass er mich heute Nacht wieder abholt, du weißt doch, dass wir heute Abend unser Treffen in der Altstadt haben, Stefan ist auch da, hab' ihn gerade mit seiner Frau gesehen."

 

"Welche Frau meinst du, die vom letzten Jahr, oder diese aufgetakelte, die am Glühweinstand neben ihm stand, oder war das gar nicht seine Frau, sondern seine Tochter?", entgegnete sie mit einer gehörigen Portion Zynismus in der Stimme.

 

Ihr Kommentar sprach Bände. Wahrscheinlich hatte dieser 'Stefan', offensichtlich ein Studienkollege ihres Mannes, eine neue Partnerin und die sah wahrscheinlich ganz nett aus. Vielleicht war sie wesentlich jünger, was bei älteren Frauen, so um die 40/50 die Vermutung aufkommen lässt, es handle sich bei besagter 'Freundin' um eine sexuell aktive, verführerische, möglicherweise 'bessere' Liebhaberin als sie selbst, darüber hinaus natürlich um eine potentielle Rivalin. Stutenbeißerei!

 

"Nun hör doch auf, Susanne, du kennst sie ja nicht einmal", entgegnete er, "...sie ist ganz sympatisch und nicht irgendein kleines 'Biest', ihr Vater hat einen Bootsverleih am Starnberger See, ganz interessanter Typ, hat mit 60 seine Kanzlei an den Nagel gehängt und was Neues angefangen."

 

"Ist mir auch völlig egal", wiegelte sie ab, wobei das natürlich nicht stimmte.

"Ihr Männer seid ohnehin schwanzgesteuert.

Ach ja, das alljährliche Männertreffen, Gespräche unter Männern von Vorgestern, wie immer zuviel Alkohol und ich habe vom Wochenende ...na ja, ich habe noch zwei Aufsätze liegen."

 

Die beiden saßen im Wagen und wir fuhren in Richtung Hollage. Während sie sich unterhielten, musste ich ihren Griff in die Kiste für's Grobe überdenken. Wie kommt eine solche Frau dazu, Männer als 'schwanzgesteuert' zu bezeichnen?

 

Entweder schlummern in ihr laszive Wesenszüge oder dieser Ausflug ins Ordinäre ist ein Relikt aus alten Zeiten. Schließlich war sie nicht immer Lehrerin das hatte ich der Absicht, Aufsätze korrigieren zu wollen, entnommen- und Gattin eines erfolgreichen Rechtsanwaltes!

 

Wenn sie 45 war, muss sie in den 70-ern oder 80-ern studiert haben, dann waren ihre HochschullehrerInnen 68-er. War sie allerdings selber deutlich über 50, dann war sie eine waschechte 68-erin! Das würde Einiges erklären...

 

In Hollage angekommen halten wir vor einem Flachdachbungalow. "

Hier ist es", murmelt er von hinten, "danke!"

Ich bremse leicht ab, wir kommen zum Stehen, ich steige aus, gehe zum Kofferraum, ergreife die Taschen und übergebe sie der Hausherrin. Er streckt mir einen 20 Mark-Schein entgegen und sagt, mich höflich anlächelnd "Stimmt so!". Auf der Uhr standen 15,80, also ein akzeptables Trinkgeld.

 

"Danke", entgegne ich und füge hinzu "Wie spät soll ich sie denn abholen?" Mit dieser Frage erhoffte ich mir einen Anschlussauftrag, denn eigentlich sollte ich ihn nachts am Irish Pub abholen. Von Nichts, kommt nichts!

"Nein, danke, es bleibt beim Irish Pub, ein Uhr, meine Frau bringt mich in die Stadt.", antwortete er und schlenderte zum Haus.

 

Sie war schon vorgegangen und hatte Licht im Haus gemacht.

Ich stieg ein und fuhr zurück.

 

Fortsetzung

 

(c) 2003 by Wolfgang Raker