Sheriff

01.06.2003:
Mike Sandmann

Es sollte meine letzte Tagschicht werden.

 

Hatte ich mir jedenfalls so vorgenommen. Irgendwie hatte ich es satt, mich ständig mit sich selbst verstopfenden Straßen, bedingt durch die vorherrschende Fahrweise, sowie mit der Temperatur in unserem vollklimatisierten 26 herumzuschlagen. Immer auf der Suche nach einem schattigen Plätzchen und alle Türen auf. Außerdem lag mir die Nacht einfach mehr.

 

Ich bin vor 11 Jahren als typischer Wochenend-Nachtfahrer angefangen. Das sitzt drin! Edgar Sinkel hat mir von Anfang an gesagt, ich sei kein Tagfahrer. Nicht wirklich.

 

Manchmal braucht man selber am längsten, die Dinge wahrzunehmen und zu akzeptieren, die Außenstehenden schon lange klar waren. Geht mir jedenfalls so.

 

Wo waren wir stehengeblieben? Vorne? Richtig.

 

Ich schwang mich also aufs Rad und trat mich zur Z, morgens halb sieben in Deutschland. Die alte Routine: Auto aus der letzten Ecke freifahren, Tank natürlich fast leer; ich war ein paar Tage nicht gefahren, und dementsprechend sah der 26 aus, oh Edgar ...

"Wasch mich!", schrie mich der Wagen an, was die Nacht noch gnädig verhüllt hat, zerrt die Morgensonne gnadenlos ans Licht.

 

"Na gut, gewonnen", nicke ich dem 26 zu und runter vom Hof, rüber zu ARAL – Waschanlage kaputt – kommt mir bekannt vor – also nach Donnerschwee, Westfalen Tanke.Während die Karre dankbar duscht, erledige ich das mit dem Frühstückskaffee gleich hier, Entsorgung inbegriffen. Dann rüber zum ZOB. Und so steh ich hier noch einmal und lass mir die Morgensonne, die sich mühselig durch den Dunst an der WEH gekämpft hat, in die blasse Visage scheinen.

 

An mir vorbei huschen graue Gestalten, die sich aus dem Morgendunst heraus zu manifestieren scheinen. Magengesichtig hasten sie ihrem Tagwerk entgegen. Schwierig in ihre Köpfe zu schauen, aber einem ca. 40-jährigen Mann sieht man den nicht gehabten Sex der letzten Nacht förmlich an. Eine Frau schreit ihre Kinder an, nichts Besonderes also, Dutzende Pendler laufen an mir vorbei, keiner steigt ein, nichts Besonderes, wie gesagt.

 

Doch halt, eine Frau steuert den 26 an, kofferbepackt. Ich lade ein, während sie meine aufkeimende Hoffnung zerstört, indem sie "Sonnenstraße" vor sich hinmurmelt. Na ja, besser als rumzustehen. Als ich kurze Zeit später "Dreieurosechzig, bitteschön" sage, verheißt der treuherzige Blick, mit dem sie nach ihrer Geldbörse greift, nichts Gutes.

 

"Sie können doch bestimmt 100 € wechseln?!", so als sei Ich die Bank, zu der sie zu faul war zu gehen. Meine Notlage erkennend erbarmt sich die Bedienung im nahegelegenen Kiosk meiner, selber knapp an Wechselgeld.

 

"Machen sie auf vier", Kunststück; der Wecker zeigt mittlerweile eh dreineunzig.

 

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, das dies nicht mein Tag sein wird.

 

Also zurück zum Stand, auf dem Weg dahin Zuhause vorbei, Post rausholend, keine Rechnung. Glück gehabt. Im Laufe der Zeit lernt man die seltsamsten Gestalten kennen, für die der Bahnhof der natürliche Anziehungspunkt zu sein scheint, überlege ich so vor mich hin, während ich versuche, die Pendler von den eher Taxiwilligen zu unterscheiden.

 

Wie zum Beispiel jeden Abend der "Sheriff", wie einige von uns ihn nennen. Anderen wird der grauhaarige Alte in seinem sich selbst tieferlegendem fastgelben Passat unter anderem Spitznamen geläufig sein. 365 Tage im Jahr ist er im Dienst, seit jenem Tag wohl als VW seinen seligen Passat schuf, die heutige Herberge seines gesamten Hausrats und was er so aus dem Müll fischt. Seine Aufgabe hat er sich selber geschaffen, jeder versucht auf seine Weise seinem Leben Bedeutung zu geben.

 

Bewaffnet mit Tennissocken und Gesundheitssandalen, sowie der Hauptperson, der Taschenlampe, entsteigt er jeden Abend seinem aufliegenden Gefährt, dessen Überprüfung sich jeder Polizist verweigert. Ich habe vor kurzem noch zwei Polizisten gesehen, Neulinge offenbar, die sich das Gefährt eingehend betrachteten, dann aber doch klug genug waren, um unauffällig zu verschwinden.

 

Gewissenhaft in alle Ecken leuchtend, achtet er peinlichst darauf, das der Bahnhof nicht geklaut wird. Oder jemand mit dem Fahrrad durchfährt. Geduldig harrt er aus, bis um kurz vor eins der letzte Zug kommt. Dort zeigt er dann seine Qualitäten als Fluglotse, indem er sich vor die vorderste der noch verbliebenen Taxen stellt und mit eindeutig rudernden Armen auch dem letzten Schwachkopf noch klarmacht, daß der Zug durch ist. Feierabend. Der Vorhang ist gefallen, er kann seine Bühne verlassen, nicht ohne noch eine Abschlusskontrollfahrt über den Waffenplatz zu machen.

 

Und gerade diese Begebenheiten sind es, die ich vermissen würde, wenn ich einen normalen Beruf hätte. Und die Zeit, darüber nachzudenken.

 

Ich schrecke aus meinen Tagträumen hoch als doch noch ein Fahrgast an meine Scheibe klopft, während ich innen vor mich hindöse. Und so schleppt sich auch dieser Tag ohne den leisesten Hauch des Besonderen, den er eigentlich haben sollte, dahin. So sehr, das ich gegen Mittag beschließe, Feierabend zu machen. Und diesen Artikel zu schreiben.