Lost Generation (Teil 1)

01.12.2003:
Wolfgang Raker aus Westerkappeln

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Alles begann damit, dass ich - damals noch in Osnabrück unterwegs - ziemlich angeekelt von einem Großteil meiner Fahrgäste, an der Pagenstecherstrasse stand und auf ein Signal aus dem GPS wartete. Es war gegen 19:00 Uhr. Die Geschäfte hatten noch bis 20:00 geöffnet, in der City war es hektisch, der Weihnachtsmarkt hatte seine Pforten geöffnet. Gelegentlich fragt mal ein Fahrgast, ob es nicht entsetzlich unangenehm sei, ständig Betrunkene herumfahren zu müssen. Genau das ist es nicht.

 

Es sind eher die Typen mit Wildlederjacke, Armanisakko, Burberry-Trenchcoat, Jura oder BWL drittes Semester, die überdrehten angehenden Rechtsanwältinnen oder Gespielinnen der Kerle, die schon mit einem Helm geboren werden, die gut verheirateten Frauen, die verbal stets emanzipiert, aufstiegsorientiert und 'taff' daherkommen, im wirklichen Leben angepasst und unterwürfig sind, sich von ihrem Gatten vögeln lassen und ihm den Orgasmus vorspielen, damit die Kohle weiter fließt und sie weiterhin mit ihrer besten Freundin shoppen können...

 

Es sind die angehenden Pädagoginnen, ökologisch bewusst, die immer eine wenig schlampig daherkommen, Rapunzellook, immer irgendwie betroffen und in jedem längeren Gespräch mindestens einmal 'ein Stück weit' weiß Gott was sind, bis sie das Refrendariat bestanden und wenige Jahre später ihren Dr.phil, Studienrat oder einen schüchternen Elektroingeneur geheiratet haben, zwei Kinder kriegen, die sie hinter ihren teuren Rädern in extra dafür angefertigten Hängern herziehen.

 

Sie sind die personifizierte Lüge, der lebende Beweis dafür, dass das Gerede von Emanzipation, Aufklärung, Humanismus dummes Geschwätz ist.. Die Lehrerinnen sammeln auf ihren Basaren für Projekte irgendwo in Afrika, kommen sich vor wie Mutter Theresa persönlich, während neben ihnen eine Rentnerin lebt, die sich zu Weihnachten nicht mal einen Läufer für 5 Euro bei Teppich Frick kaufen kann, damit es nicht so zieht und die vor lauter Traurigkeit nicht mal schlafen kann - am Heiligen Abend!

 

Von mir aus kann ein gestrauchelter Zahnarzt, der sich, nachdem seine Frau ausgezogen ist und dessen Kinder längst aus dem Haus sind, jeden Abend am Tresen einer düsteren Kneipe vollaufen und spät nachts mit dem Taxi nach Hause bringen lassen. Der setzt seinem Leben auf seine Art ein Ende, genussvoller, als sich eine Kugel in den Kopf zu jagen oder vor einen Intercity zu springen. Tabletten sind nach Aussagen von Suizidforschern ohnehin nicht seine Sache, das machen eher Frauen. Der kramt nicht irgendeine Schutzbehauptung aus seinen Gehirnwindungen, der hat kapituliert und weiß, warum das so ist!

 

Es war die Zeit, als die Nutten auf dem Straßenstrich an der Pagenstecherstrasse noch geduldet wurden. Mit hochhackigen Stiefeln, hot Pants, knappen T-Shirts standen sie am Straßenrand, meistens in einer Hand eine Zigarette, deren Rauch man aufsteigen sah wenn man vorbei fuhr. Wenn man langsam genug an ihnen vorbei fuhr, schauten sie einen direkt an und wollten einem ihre Dienste anbieten.

 

Ich stand an der Pagenstecherstraße neben McDonald, in der Nähe des ThaiClubs, als ein Mann auf mich zukommt. Offener Flanellmantel, so um die Vierzig, sympatisch, Typ Rechtsanwalt. Er öffnet die Tür:

"Ich weiß, ist keine große Fahrt, aber ich muss zum Weihnachtsmarkt, lassen sie mich beim Herrenausstatter an der Ecke raus, bitte."

"Kein Problem, dafür bin ich ja da, wollte ohnehin später dorthin", entgegne ich und setze den Blinker.

"City 13 Einsteiger, fahre zum Weihnachtsmarkt am Dom."

"Verstanden, meldest dich dann frei, habe eine Anschlussfahrt"

"o.k., melde mich dann."

"Sagen sie, kann ich sie für heute Nacht so um Eins vorbestellen? Wir treffen uns mit ein paar Leuten, alte Studienkollegen, machen wir jedes Jahr."

"Selbstverständlich geht das, ist doch mein Job. Wann genau möchten sie abgeholt werden und wo", frage ich zurück.

"Sagen wir Ein Uhr, vor dem Irish Pub, ist das o.k.?"

"Ja, geht in Ordnung, aber bitte gehen sie nicht raus und nehmen ein anderes Taxi, denn ich stelle mich darauf ein und warte gegebenenfalls."

"Nein, nein, das ist schon in Ordnung so. Ich warte auf sie. Die Fahrt geht nach Hollage."

"Sagen sie mir bitte noch ihren Namen, damit ich weiß, wen ich abholen muß."

"Rott, Dr. Rott. Sorry, hatte ich vergessen."

 

Am Weihnachtsmarkt lasse ich den Herrn springen und stelle mich in eine Seitengasse. Wie das zusammenpasst, denke ich. Wahrscheinlich ist seine Frau in der Stadt unterwegs, Weihnachtseinkäufe erledigen, er war bei einem der vielen Autohändler und gibt als Zieladresse den edlen Herrenausstatter an der Hasestrasse an. Der aber war eher sympatisch.

 

Fortsetzung

 

(c) 2003 by Wolfgang Raker