Juilette

01.11.2003:
Wolfgang Raker aus Recke/Bremen

Es gibt Momente, da würde man am liebsten zur Zentrale fahren, den Wagen abstellen und einfach nur schlafen. Nichts geht!

 

Seit nunmehr drei Jahren fahre ich auf dem Dorf, alle 14 Tage, Samstags, Stundenlohn plus Zuschlag bei höherem Umsatz. Das ist sicheres Geld und wenn man getrennt lebt, drei wunderbare Kinder hat...

Ich stehe in Südmerzen und habe das Gefühl, alles hat sich gegen mich verschworen. Vor dem Zelt ungefähr 8 Taxis, kaum Einstiege und viel Protest seitens der Einheimischen. Also - Gabriel Garcia Màrquez, "Liebe in Zeiten der Cholera", Seite 135ff.

Unglaublich, wie sehr "Florentino" "Fermina" liebt!

Eine Liebe, die einen Zeitraum von mehr als 50 Jahren überdauert!

o.k.,Nobelpreis für Literatur, das ist was für's Literaturcafe, aber im wahren Leben?

 

Da hier nichts mehr zu gehen scheint, plane ich den Aufbruch, ab zur Zentzrale, als neben mir ein Kollege auftaucht. Christof war irgendwo in der Nähe und dachte, er müsse mir die Sinnlosigkeit meines Wartens in diesem trostlosen Dorf verdeutlichen.

 

"Hey, in Hollenberg ist der Bär los! Da stehen die Leute auf der Strasse und kriegen kein Taxi...!"

"Danke, ich häng mich dran."

 

Durch die Nacht auf dem Land geht's in Richtung Hollenberg, ungefähr 8 Kilometer. Angekommen, stelle ich fest, Christof hatte Recht! Drei ortsansässige Taxis und Trauben von Leuten auf der Strasse vor dem Zelt. Alle wollen plötzlich nach Hause.

 

"Bist du frei ?", spricht mich der erste Fahrgast an.

"Klar, wohin soll's denn gehen ?"

"Quakenbrück!"

"Geht klar, steigt ein !"

 

So geht es ungefähr zwei Stunden weiter, Bersenbrück, Recke, Fürstenau, Voltlage...

Gegen 04:00 ebbt der Zustrom ab und ich stehe. Gegen 05:00 leert sich das Zelt und nichts geht mehr. Ich lege meinen "Marquez", der inzwischen wieder zu mir gefunden hat, aus der Hand und freue mich auf den Feierabend. Morgen werden meine Kinder um 10:00 Uhr auf der Matte stehen. Ich werde sie unausgeschlafen in Empfang nehmen, einen Milchkaffee trinken und einer der glücklichsten Väter dieser Republik sein - gleichwohl unausgeschlafen!

 

Als ich losfahren will, schweift mein Blick in Richtung Zelteingang. Was ich da sehe scheint eine Fata Morgana zu sein. O.k., ich bin übermüdet, hatte eine harte Woche, eine Konferenz, drei Klassenarbeiten, morgens gegen 5:00 Uhr raus... Nein, das ist keine Fata Morgana, das ist eine wunderschöne, kleine, zierliche Frau!

 

Sie trennt sich von ihrem Gesprächspartner, der ihr offensichtlich an den Klamotten hängt, aber keine Chance auf Mehr zu haben scheint, denn SIE schlendert allein in Richtung der Taxis.

 

Wieso ist die allein, frage ich mich!? Das wäre doch eine klassische Situation, die mit der Frage enden könnte: "Zu dir oder zu mir?" (Aber bitte nicht mit dem...)

 

Ich lebe allein, hatte mich vor ungefähr einem Monat von meiner ersten großen Liebe "Mary-Ann" wieder getrennt, nachdem ich festgestellt hatte, dass sich eine große Liebe, die vor 30 Jahren sehr einseitig und für mich grausam zu Ende ging und die ich zu einem Mythos aufgebaut hatte, nicht wieder beleben lässt. Frauengeschichten im Taxi waren immer ein Tabu und das, so war es geplant, sollte auch so bleiben!

 

In der Vergangenheit, als ich noch in Osnabrück fuhr, da gab es eine Vielzahl von Angeboten, die etwa so inszeniert wurden:

 

"Du bist allein, ich bin allein, mir ist 'danach', also, kommst du mit hoch ...?"

oder:

"Ich habe seit gestern mit ungefähr 15 Typen gef..., jetzt will ich ins Bett und neben einem Kerl liegen, der mich nicht nur f... will, kommst du mit rein?"

oder die Variante: "Du bist ganz anders als all die Typen, mit denen ich mich so rumschlage. Ich würde gerne mit dir f..., hast du Lust?"

oder die: "Eigentlich ist das nicht mein Ding, so direkt mit der Tür ins Haus zu fallen, aber bei dir ist das ganz anders, willst du mit mir ins Bett?"

 

Ich will gerade den Gang einlegen, setze den Blinker, als dieser kleine, hübsche Zwerg auf mich zukommt. Neben ihr steht, direkt am Eingang, ein Mitsubishi, dessen Fahrer nur die Tür hätte öffnen müssen und SIE wäre in den Wagen gestolpert. Der steht doch direkt am Eingang! Wieso steigt sie da nicht ein?! Unsere Blicke treffen sich und Sie kommt direkt auf mich zu. Weder Sie noch ich können bis heute erklären, weshalb sie ausgerechnet in meinen Wagen gestiegen ist.

 

Ich öffne die Tür, sie beugt sich zu mir in den Wagen:

"Fährst du mich nach Schwagsdorf?"

"Klar, sag' mir nur, wohin genau du willst"

 

Während der Fahrt zunächst das übliche Gespräch, Fragen nach meiner Herkunft, was ich im Hauptberuf mache, ob das Fahren in der Nacht mit den vielen Betrunkenen nicht entsetzlich unangenehm sei usw. Ich kann es mir nicht verkneifen, denke an den Typen am Zelteingang und frage, wie es zu erklären sei, dass eine so schöne Frau allein nach Hause fahre, füge aber sofort den Zusatz an, dass ich sie nicht plump "anmachen" wolle. Sie versteht das und erklärt allein und doch verheiratet zu sein. Sie wirkt traurig, hat - mit Verlaub - ziemlich gebechert, beeindruckt mich aber mit jedem Kilometer zunehmend.

 

Als ich sie frage, ob wir uns ein wenig unterhalten sollten, willigt sie ein. Als wir auf einem Parkplatz stehen, beginnt sie von sich zu erzählen: Seit 15 Jahren verheiratet, ihr Mann seit 4 Jahren Frühinvalide, ein Autounfall, seit 5 Jahren kein "Eheleben" mehr... Ich kann mir das nicht vorstellen, denke zunächst, dass sie mir eine story erzählt. Im Verlauf unseres Gespräches begreife ich, dass sie tatsächlich sehr unglücklich ist. Ich erzähle ihr von mir, meinen entzückenden Kindern, dass ich als Lehrer nebenbei Taxi fahre, weil eine Trennung mit drei Kindern viel Geld kostet; wir tauschen die Handynummern aus und ich fahre sie nach Hause.

 

Am nächsten Morgen, ich bin mit meinen Kindern in Kalkriese bei den "Römern", geht das Handy, "Juliette" meldet sich per sms. Ich war davon ausgegangen, dass meine Begegnung mit 'Juliette' eine der Begegnungen bleiben würde, die einem im Gedächtnis bleiben, aber zu keiner realen Begegnung werden würden. 'Juliette'wurde weitaus mehr als eine flüchtige Begegnung, von der nur Fetzen des small talk im Gedächtnis verbleiben!

 

Wir trafen uns in jeder Woche, liebten uns, unternahmen etwas miteinander, ohne dass ihr Mann etwas erfahren hätte. Anfangs war es für mich sehr schwer zu akzeptieren, dass eine Trennung von ihrem Mann nie in Frage kommen würde. Sie wollte das nicht, weil er auf sie angewiesen war, sie brauchte. Und ich wollte es auch nicht, er tat mir leid! Wie aber soll eine Frau weiterleben, nachdem sie erkannt und erfahren hat, dass sie als Frau nicht mehr gefragt ist, nicht mehr begehrt wird, nicht mehr begehren kann?! Hat sie kein Recht auf Liebe, Begehren, Sex...?

Ist es nicht ein Zeichen menschlicher Größe, wenn eine attraktive, begehrenswerte Frau ihren Mann nicht verlässt, wenn sie bei ihm bleibt, ihr Bedürfnis nach Erotik, Sex, Nähe aber mit einem anderen Mann - der sie liebt - erfüllt.

Sie ist eine Geliebte, wie es sie im Leben eines Mannes nur selten oder nur 1x gibt! Meine Versuche, sie ganz für mich zu gewinnen, habe ich irgendwann aufgegeben und unsere 'Geschichte' so akzeptiert, wie sie ist...

 

"Florentino" hat sein Leben gelebt, ist mit einer Vielzahl von Frauen ins Bett gegangen, hatte Affären, hat geliebt. Die Zeit überdauernd hat er nur Eine geliebt - "Fermina"!

 

Es gibt so viele Formen der Liebe, des Begehrens. Die Begegnung mit 'Juliette' hat mir eine Spielart der Liebe gezeigt, die ich nicht kannte und nicht für möglich gehalten hätte. Mit 'altbewährten' Moralbegriffen lässt sich diese Liebe nicht fassen...

 

Zusatz

"Nichts ist schwieriger als die Liebe"

'Fermina Daza' in :Die Liebe in Zeiten der Cholera.Gabriel Garcia Marquez.KiWi Verlag