Der Vater

01.11.2003:
Wolfgang Raker aus Recke/Bremen

Diese Story wollte ich des öfteren aufschreiben, fand aber nie die richtigen Worte, die dem Erlebnis, das ich schildern will, angemessen wären.

 

Ich fuhr damals in Osnabrück im Normalfall nachts. Taxi fahren in der Tagschicht ist nicht nur langweilig, sondern ermöglicht darüber hinaus nicht den Einblick in die Schattenwelt meiner Zeitgenossen... Vetretungsweise habe ich mir dann die Tagschicht am Freitag angetan und stand nach einigen Krankenfahrten auf dem Platz rum. Also, "die Zeit" raus und den Stellenmarkt durchforsten...

 

Irgandwann gegen 15:00 Uhr piebt das GPS "...Laischaftsstr. XX, weibl., st.dr." Na, besser als gar nichts, denke ich und hoffe, eine alte Dame zum Heeger Friedhof bringen zu dürfen, denn dann wäre die Rückfahrt gesichert, sowie ein Espresso im Café nebenan! Außerdem mag ich die alten Frauen, an denen das Leben nicht spurlos vorbeigegangen ist und das Spuren hinterlassen hat. Oft stehen sie allein im Leben, die Kinder längst aus dem Haus und besuchen 2 bis 3x in der Woche ihren verstorbenen Mann auf dem Friedhof. Ich finde es beeindruckend, wie souverän die mit ihrer Situation umgehen!

 

Ich biege vom Wall ab in die Laischaftsstrasse, halte vor der Nummer XX und will gerade aus dem Wagen springen, als ich eine junge Frau so um die 20 aus dem Haus kommen sehe. Als sie näher kommt, sehe ich, dass sie hochschwanger ist. Schlagartig schnellt die Story von dem Taxifahrer durch meinen Kopf, der eine Geburt im Taxi allein mit der Schwangeren durchgeführt hat. Bitte nicht mit mir, denn nach den Geburten meiner bis dahin zwei Söhne, die ich von der ersten bis zur letzten Sekunde begleitet habe, kann ich mir das überhaupt nicht vorstellen!

 

"Hallo, bitte einmal zu Dr. G., Bohmter Strasse, neben der Shell-Tankstelle."

Ich helfe ihr, die richtige Sitzhaltung zu finden und schließe ihre, sowie meine Tür.

"O.K., ich hatte schon gedacht, es gehe zur Klinik", entgegne ich.

"Nein, soweit ist es glaube ich noch nicht, ich habe einen der Routinetermine, wie das so bei Schwangerschaften geht!"

 

Wir fahren los, unterwegs unterhalten wir uns nett. Sie ist allein, der Vater ihres Kindes wohnt weiter weg und scheint in Schwangerschaft und Geburt nicht sehr eingebunden zu sein... Ich erzähle ihr, dass ich die Geburt meiner beiden Söhne Maximilian und Christian (mittlerweile haben wir noch eine reizende Tochter, Julia, 3 bekommen..) im Geburtshaus in Mettingen begleitet habe und lenke ab, als sie nach dem Ablauf und nach Details fragt... Vor der Praxis angekommen bittet sie mich zu warten, es dauere nicht lange, sie müsse danach wieder zurück.

 

Das Warten dauert nicht lange, als sie in Begleitung einer jungen Frau aus der Praxis vor die Tür tritt und auf mich zukommt.

"Fahren sie bitte direkt zum Marienhospital und gehen sie bitte mit der Patientin zur Geburtsstation C3. Das wäre nett!"

"Das ist doch selbstverständlich", entgegne ich und füge hinzu "...wollen sie nicht noch zu Hause vorbei, ein paar Sachen holen, ich helfe ihnen gerne?!"

"Nein, nein, dazu haben wir jetzt keine Zeit mehr, ich muß ganz schnell ins Krankenhaus..."

"O.K., dann man los, ist etwas passiert, Komplikationen?"

Ich merke, dass mich die Aufregung gepackt hat und dass ich regaiere, als wäre ich der Vater des neuen Erdenbürgers, dabei geht mich das doch gar nichts an!

 

Das Marienhospital liegt nur 500 m Luftlinie entfernt und nach nicht einmal 10 Minuten bin ich durch die Schranke und stehe vor C3. Raus aus dem Wagen, biete ich der jungen Frau meinen Arm, den sie hilfesuchend und nun deutlich spürbar aufgeregt ergreift. Ich drücke am Aufzug den nach oben zeigenden Pfeil. Die Aufzugstür öffnet sich und auf geht's.

 

Auf C3 angekommen schaut mich die junge Frau an, mittlerweile hält sie sich ihren Bauch und scheint Anfänge von Wehen zu spüren. Das kenne ich doch, denke ich mir, als wir vor einer Glastür stehen. "Bitte klingeln!" steht an der Tür und ein grüner Pfeil weist auf einen Messingknopf rechts neben der Tür. Ich drücke und eine Frau in Jeans und weitem, dunkelroten Norweger-Pullover öffnet. Sie lächelt uns freundlich an, wirft einen Blick auf die junge Frau neben mir und bittet uns herein. Ich bleibe stehen und will gerade wieder gehen, als mich die nette Frau von der Station anlacht und bemerkt... "Kommen sie ruhig mit herein, Väter sind uns herzlich willkommen!" In der Zwischenzeit hat eine andere Frau von der Station einen Rollstuhl geholt und wartet nun mit meiner 'Beifahrerin', die versucht herzhaft zu lachen, auf mich.

Ich lache und entgegne..."ich bin nicht der Vater, ich bin der Taxifahrer, der sie gebracht hat." Wir alle stehen an der Tür zur C3 des Marienhospitals in Osnabrück und lachen. Ich wünsche der jungen Mutter alles Gute und eine schöne Zeit mit ihrem Kind und mache mich auf den Weg...