Fette Beute

01.11.2002:
Richard Siffiliss aus Berlin

Atze und Keule sind ein Brüderpaar kurz vor zwanzig, die das Leben bereits stark deformiert hat. Schuld daran sind zweifelsohne Eltern und Lehrer, die es entgegen ihrer Pflicht versäumt haben, den beiden eine ordentliche Erziehung und Bildung zu gewähren. Dabei hätte aus den Burschen durchaus etwas werden können, denn dumm sind sie beileibe nicht. Ganz im Gegenteil, sie sind auf ihre Weise sogar schlau, und in lichten Momenten kann man sie sogar als ausgesprochen clever bezeichnen.

 

Selbstverständlich kommt eine ehrliche Arbeit für Atze und Keule nicht in Betracht, da sie es von ihrem einsitzenden Vater gelernt haben, auch ohne derartige Belästigungen im Leben voranzukommen. Ihre Einkünfte beziehen sie vornehmlich vom Sozialamt, das ihnen auch eine kleine Sozialwohnung bezahlt. Wer nun aber glaubt, dass damit alles seine beste Ordnung hat, der irrt gewaltig. Denn Atze und Keule genügt das natürlich nicht. Sie wollen mehr, viel mehr, und das möglichst sofort. Ihr Lebensziel ist es, ausgiebig und täglich auf die Kacke zu hauen. Ein bisschen Spaß muss eben sein, und wenn es nur das ist. Die Beschaffung der dafür notwendigen Geldmittel erfordert allerdings etwas Phantasie, da der Vorgang mühelos und schnell vonstatten gehen muss. Aber darin haben Atze und Keule Übung. Aber schauen wir einfach mal unseren beiden Glücksrittern über die Schulter, wie sie auch ohne ordentliche Arbeit ihren Lebensunterhalt bestreiten:

 

"Äh, Atze, weißt du was? Ohne Knete kannst du den Abend komplett vergessen."

"Ach, was du nicht sagst."

"Müssen wir mal ein bisschen aktiv werden und Knatter auftreiben. Wie sieht's aus, machst du mit?"

"Aber immer, weißt du doch, Keule. "

"Ich hab da so eine Idee. Siehst du dort drüben das Milchgesicht?"

"Nee, wo denn?"

"Na, der da. Der in der Taxe da?"

"Willst du dem auf die Rübe hauen, oder was? Hör auf, Keule, das gibt Kiste, wenn sie uns erwischen."

"Nicht doch, Atze, warum denn mit Gewalt? Das machen wir mit Köpfchen. Pass auf, merk dir mal die Nummer von der Taxirufsäule da! Schaffst du das?"

"Glaub schon."

 

Fünf Minuten später klingelt es an der Rufsäule. Student und Aushilfskutscher Joschka F. springt in froher Erwartung ans Telefon.

"Guten Abend, Hotel International hier. Wir hätten gern einen Wagen. Und könnten Sie so freundlich sein und sich an der Rezeption melden? Der Fahrgast ist leicht gehbehindert. Die Fahrt geht zum Flughafen und wieder zurück."

Joschka F. reibt sich Hände, hopst in seine Droschke und rast los. Dreißig Sekunden später fährt er mit quietschenden Reifen vor. Das schnelle Geld vor Augen springt er mit einem Satz aus dem Wagen und stärmt ins Hotel an die Rezeption.

Aber was ist das nun? Das kann doch gar nicht sein. Da ist Überhaupt kein Fahrgast, der zum Flughafen und zurück will, sondern nur ein müder Nachtportier, der schwört, dass er keine Taxe gerufen hat.

 

Unterdessen machen sich zwei dunkle Gestalten an der verwaisten Kraftdroschke zu schaffen, und der eine sagt zu dem anderen:

"Äh, Keule, der Trottel hat sogar den Zündschlüssel stecken lassen. Wollen wir nicht gleich die ganze Kutsche mitnehmen? Können wir ein bisschen spazieren fahren."

"Nee, nee, lass mal, Atze, die Geldbörse reicht."

"Was ist denn mit dem Buch hier? Mitnehmen?"

"Mann, lass liegen den Mist. Lesen ist Scheiße, verdirbt nur den Charakter."

"Äh, Keule, da sind aber auch Bilder ..."

"Mensch, hör auf zu spinnen! Was ist mit dem Tabakpäckchen? Ist da noch was drin? Los, steck ein. Ich nehme noch die Lederjacke und das Mobiltelefon, und dann nichts wie weg."