Die Krawatte

01.01.2002:
Richard Siffiliss aus Berlin

Irgendwo irgendwann klingelt ein Telefon.

 

"Ja bitte -!"

"Müller -? Müller, passen Se mal auf. Ich hab da eine dringende Sache, die Sie für mich erledigen müssen."

"Aber ..."

"Nix aber, Müller. Ich brauche Sie, keine Widerrede, verstanden! Also, passen Se auf, Müller, Sie müssen heute mal für mich ins Theater gehen."

"Ins Theater? Ich -?"

"Ja Sie, Müller. Oder heißt hier noch jemand Müller, hä?"

"Aber ..."

"Hör'n Se uff mit Ihrem aber, Müller, die Sache ist wichtig. Um halb acht gehen Sie an die Abendkasse des Friedrich-Nietzsche-Theater und holen die drei Karten, die auf meinen Namen hinterlegt sind. Haben Se das mitgekriegt?"

"Ja -!"

"Gut, Müller. Wenn Sie die Karten haben, postieren Sie sich an der Litfasssäule links neben dem Haupteingang und halten Ausschau nach zwei älteren Damen, die auf den Namen von Teplitz reagieren. Hören Sie zu, Müller, nicht dass Sie mir die Sache verkorksen. Sie müssen unbedingt die beiden alten Damen ausfindig machen, Müller, sonst können Sie ihren Arbeitsplatz mit einem Platz auf der harten Bank des Arbeitsamtes eintauschen. Ist das klar, Müller!"

"Ja Chef."

"Wenn Sie dann die beiden Tanten aufgegabelt haben, dann stellen Sie sich als mein Bruder vor, verstanden !"

"Als Ihr Bruder, Chef? Wieso das denn? Nee, das mach ich nicht. Für so was bin ich überhaupt nicht geeignet."

"Blödsinn Müller, natürlich sind Sie dafür geeignet. Sie sind genau der richtige Mann, Mensch. Also, Sie stellen sich als Armin Knöpnadel vor und erzählen den beiden Damen, dass Sie der Fachmann für Heizungsanlagen sind. Klar -?"

"Ich versteh kein Wort, Chef."

"Passen Se uff, Müller, das ist so. Den beiden Weibern gehört der ganze Häuserblock Riehl-Ecke Wundtstraße, und die haben die Sanierung einer kompletten Heizungsanlage ausgeschrieben."

"Aber wir sind doch eine Dachdeckerbude, Chef."

"Ja doch -. Nun sind wir aber auch eine Heizungsinstallationsfirma, Müller, kapiert! Und weil die beiden alten Weiber so gerne ins Theater gehen, habe ich mir gedacht, dass Sie die beiden mal dahin ausführen, klar -!"

"Aber warum ausgerechnet ich, Chef?"

"Weil Sie von uns allen am intelligentesten aussehen, Müller, deshalb -. Und nun keine Widerrede mehr, sie machen das und basta. Sie nehmen die beiden ollen Schachteln an den Arm und sind mal ein bisschen nett zu denen. Und nebenbei erzählen Sie ein bisschen von unserer Kompetenz und Zuverlässigkeit als Installationsfirma. Das kann ja wohl nicht so schwer sein, oder!"

"Aber für so was habe ich doch gar keine Kleidung."

"Müller -! Machen Sie mich nicht wütend. Ich sag Ihnen, wenn Sie das vermasseln, brauchen Sie sich nie wieder bei mir blicken zu lassen. Sie werden doch wohl einen Anzug und ne Krawatte haben."

"Ja, aber ..."

"Schluss jetzt, Müller. Ich verlasse mich auf Sie. Morgen früh erwarte ich Vollzugsmeldung, verstanden. Also -, lassen Se sich mal was einfallen, Müller. Sie sind doch nicht auf den Kopf gefallen. Also, bis morgen dann. Und machen Se die Sache ja ordentlich, verstanden."

"Jawoll Chef, verstanden."

 

Armin Müller legte den Hörer auf und war ratlos. Was war das nun schon wieder. Seitdem er im Kapitalismus arbeiten ging, war er vor Überraschungen nicht mehr sicher. Früher im Sozialismus hätte er so mit sich nicht reden lassen. Da war er Brigadier, aber vor allem, er war wer. Nun war alles ganz anders und er war ein Nichts. Die Not des Überlebens zwang ihn, einen Diener zu machen, und jetzt war wieder einmal so ein Augenblick, wo er am liebsten alles hingeschmissen hätte. Aber wie sollte er? Er hatte Schulden und der Urlaub im Erzgebirge war bereits gebucht. Also musste er da durch, was ihm sein Chef aufgetragen hatte.

 

Grübelnd wanderte er ins Schlafzimmer, öffnete den Kleiderschrank und suchte den schwarzen Anzug, den er zuletzt bei der Beerdigung des Parteivorsitzenden seines Heimatdorfes getragen hatte. Doch der Anzug war nicht das Problem, das wusste er bereits, als er den Telefonhörer auflegte, sondern die Krawatte. Zwar hing der Schlips ordentlich über die Hose gelegt, aber sie hatte keinen Gummizug zum Überziehen. Damals hatte ihm noch seine Frau das Ding umgebunden. Doch die war nun weg - durchgebrannt mit einem ehemaligen Offizier der Geheimen Staatspolizei, der mit veruntreuten Geldern und seiner Frau ein neues Leben auf den Spomidischen Inseln begonnen hatte.

 

Da stand er also, der Armin Müller, verloren und verlassen vor seinem Kleiderschrank und rätselte, wie er nun die Krawatte um den Hals kriegen würde. Nachdem er sich die Abendgarderobe angezogen und vor dem Spiegel festgestellt hatte, dass sein Chef recht hatte - er sah wirklich intelligenter aus als sein Boss -, begann er mit dem Schlips zu hantieren. Doch alle Versuche, das Ding ordentlich zu binden, schlugen fehl, und Müller verzweifelte mehr und mehr. Was sollte er tun? In einer halben Stunde musste er vor dem Theater erscheinen und einen ordentlichen Eindruck machen. Und ohne Krawatte um den Hals würde das nie und nimmer gelingen. Er überlegte hin und her.

 

Er wollte schon bei seinem Nachbarn klingeln, doch dieser war von Beruf Trunkenbold, den man nur im Trainingsanzug sah. Auch die anderen im Haus waren eher von dem Schlag Mensch, der sich in Unterhemd und Hausschuhen vor die Haustür stellte und das Hundchen Gassi schickte. Doch da kam er endlich angeflogen, der rettende Gedanke: Wozu gab es in dieser Stadt über 7000 Taxis? Da würde schon ein Fahrer darunter sein, der in der Lage war, eine Krawatte zu binden. Außerdem beabsichtigte er sowieso mit dem Taxi zum Theater zu fahren.

 

Er stürzte zum Telefon. Keine zehn Minuten später bestieg Armin Müller ein Taxi und staunte nicht schlecht, als ihn eine junge Frau anlächelte und fragte: "Na wo haben Se denn Ihre Krawatte? Geben Se mal her." Müller zog die Krawatte aus der Seitentasche seines Mantels und in weniger als einer Minute, spannte sie ordentlich gebunden um seinen Hals. "Wunderbar", fiel ihm ein Stein vom Herzen. "Wenn es Sie nicht gäbe, wer weiß, ob ich morgen noch Arbeit hätte. So, und wenn Sie mich jetzt zum Friedrich-Nietzsche-Theater fahren würden, wäre ich Ihnen mehr als zu großem Dank verpflichtet." "Aber kein Problem", erwiderte die Taxifahrerin. "Sie gehen wohl nicht oft ins Theater, oder?" "Nein, nein, das erste Mal in meinem Leben. Ich weiß noch nicht einmal, was da heute für ein Stück gegeben wird", stammelte Armin Müller aufgeregt. "Kann ich Ihnen sagen. Und zwar Kleider machen Leute von Gottfried Keller", lachte die Taxifahrerin und gab Gas.