Dark Side of the Moon

01.03.2002:
S. Angwine Kunkel

Neumond. Winter. Schneeregen.

"Zwei Wagen zum ´Vinum Italicum`, Wagenüberführung", tönt es leicht verzerrt aus den Lautsprechern...

Vinum Italicum, Absteige für neureiche Arschlöcher, die sich verbal beim Euro 500 Besäufnis und erlesenen Speisen gegenseitig einen auf ihren "Erfolg" runterholen müssen. Ich blecke die Zähne, als ich den schweren Diesel in voller Fahrt mitten auf der Strasse rumreisse.

Der Schneematsch begünstigt mein Maneuver, heutzutage muss man nur darauf achten, dass man vorher wunderliche Neuerungen wie das ESP deaktiviert... schlingernd nehme ich wieder Fahrt auf.

"All hail Don Johnson!"

Schrote durch diverse Strassenzüge, bis ich mit einem lässig hingerotzten Drift (die Bürgersteigkante vorm ´Vinum Italicum´ als ungewollten Bremskraftverstärker nutzend) auf der gegenüberliegenden Fahrbahnseite zum Stillstand komme.

Nicht übel.

Meilenweit von dem entfernt, was der Driftkönig schlechthin, Hr. Huber, so hinlegte, einst, als er noch mit uns durch die Nächte schnitt, bevor er abwanderte in die Computerbranche gen Norden- da wo es noch Arbeit gibt für Männer mit Tatendrang und Hirn..... (doch ich schweife ab).

Die Scheinwerfer verglimmen und ich atme tief durch, bevor ich mich auf die Jagd mache.

Als die Tür hinter mir zuschlägt (mit dem von mir so geliebten satten "plopp" mit dem nur mächtige Daimlertüren sich zu schliessen wissen), registriere ich meinen Kollegen, der weniger brisant auf der Bildfläche erscheint.

Ich signalisiere ihm, dass ich mich durch den Schneeregen reinquäle, 2 Taxen melden.

Drinnen:

Ein Haufen von trunkenen, selbsternannten Weltenlenkern und eine handvoll zuckersüsser "dazugehörender" Mädchen. Whatever.

"Jeder muss nach seiner Fasson selig werden", sprach schon einst der alte Fritz, pragmatischer Preusse seinerseits. Gott hab´ ihn selig, den alten Agnostiker (hehe).

Zur Theke ( heisst hier wohl Bar), Augenkontakt gesucht mit Bedienung...." Die zwei Taxen sind da...".

Sie deutet vage und völlig genervt in die Richtung von ca. 100 Tischen.

"Ah, der Herr da vorne hat Sie bestellt"... klasse. Da vorne sitzen etwas über 200 "Herren".

Kurzer Check: alle rotzbesoffen, bringt nichts, jeden einzeln anzusprechen.

Also räuspere ich mich und lasse es donnergleich (Thor wäre stolz auf mich) durch die Räumlichkeit schallen:" ZWEI TAXEN ZWECKS WAGENÜBERFÜHRUNG!?!"

Klappt, irgendwie, meine Taktik.

Nach ein paar Minuten wissen die Betreffenden wieder, dass sie uns bestellten.

Gönnerhaft winkt mich eine mittfünfzigjährige Halbglatze an seinen Tisch.

"SSSScho ssssschnell? da müsssser aba nochn Moment wartn......".

Ja. Sicher.

(Wär ich zehn Minuten später aufgetaucht, hätte er Randale geschoben, wo wir so lange bleiben, Arschloch.)

"Kein Problem", grinse ich freundlich, "wir warten draussen."

Er lässt mich genau bis zur Tür kommen (der Effekt vor seinen "Freunden" kommt dann einfach besser, denn er muss die Stimme erheben und sie MÜSSEN zuhören):" Keine Sorge, JUNGE, ich zahl die Wartezeit...".

"Sicher", triefe ich vor Höflichkeit und gleite servil durch die Tür nach draussen, bevor mich meine hassverzerrte Mimik verraten kann.

Schlage den Kragen hoch. Scheisswetter.

Tief durchatmen.

Erstmal ´ne Kippe.

Mein Kollege weigert sich prinzipiell, Fremdwagen zu steuern. Hat er ja auch nicht Unrecht damit, denn schlussendlich handelt es sich hierbei meistens um Euro 50000 aufwärts Geschosse, und obwohl die Chefetage immer das Gegenteil behauptet:

Ich möchte nicht die Nacht erleben, in der ich mit einem Ferrari Testarossa bei Tempo 150 frontal gegen eine ( besser: durch eine) Hauswand zimmere und der Eigentümer (von welch zerstörten Besitz auch immer) mich nach meiner Versicherung fragt....

 

Aus den Gedanken gerissen: Vor mir die schwankende Halbglatze, wedelt mit einem Autoschlüssel vor meiner Nase rum.

Weisser Kaschmir -tschuldigung, cashmere- Schal lose um den Hals wehend, sein einstmals hübsches blondes Weib im Arm.

"Hier. Is´n Audi."

"Ja, wo steht er denn?"

"Da vorne", winkt er fahrig die kaum einsehbahre Strasse hinunter.

"Jaaaa...", seufze ich gedehnt, entwinde ihm den Schlüssel (Germanen... können sich einfach nicht von ihren Kindern - respektive Autos- trennen).

"Musss ja wohl nich mitkommn", gibt er noch von sich und fällt ins Taxi meines Kollegens.

Mit seiner blonden Schnitte.

OKAY, von mir aus.

Nur:

Erstens: Ein Audi .

Zweitens: wo soll denn dieser Audi dann hin (so ich ihn überhaupt finde, da Halbglatze es nicht mal mehr für nötig hielt, mich über den Standort des Fahrzeugs zu informieren....)?

Bevor mich Resignation und Zweifel (an meiner Profession, der Welt, des SINNs und des Lebens per se) übermannen können, hat mich plötzlich eine andere Person untergehakt.

Zieht mich in Richtung Strasse und meint resolut:"Hej, ich komm´mit Dir mit".

Wohlan. Entweder man fährt nachts Taxi, oder man wundert sich über solche Dinge.

Ich schaue sie mir genauer an: vielleicht 28, langes dunkles Haar, fein geschnittenes Gesicht, traumhafte Figur unter einem langen, teuren Mantel verborgen...

"Ich bin die Tochter"...

Sicher bist Du das.

Sie schleift mich zu einem monströs dimensionierten Blechkonstrukt in boshaft-schwarz.

Auf den 100 Metern zum Auto erfahre ich nebenbei so ziemlich alles, was ihr ( neben Reiten, Kasinobesuchen und Parties) so alles in den zwei vorangegangenen Wochen wiederfuhr und am Herzen liegt.

Wir steigen ein, erwecken die Bestie zum Leben.

Aber mindestens 400 unheilige PS.

Alle Amaturen rot (damit der Fahrer schön aggressiv wird: auch Audi hat ja schliesslich ´nen verfickten Ruf zu wahren), sieht aus wie in einer verschissenen F-16, hier. Überall Lichter, Schalter und Bedienelemente, Navigationssystem mit Fernseher und DVD integriert und der ganze Scheiss...ich muss grinsen.

Das Mädchen labert mich glücklich gelöst voll.

"Ja, wohin gehts denn?"

"Ich weiss nich.... na da oben so....".....

Wieder diese ominöse, flatternde Handbewegung, wie sie 80% aller angetrunkenen Fahrgäste zu eigen ist...

Ich hole tief Luft. Doch irgendwie ist sie mir sympathisch (niemals ist sie seine Tochter, vergiss es einfach)...

 

Nicht so einfach, sich auf eine Strasse zu einigen.

Aber dafür durchschaue ich recht schnell den Bordcomputer, finde somit heraus wie sich das Radio bedienen lässt und als ich erstmal meinen Sender habe, ist der Rest nur noch Nebensache: Pink Floyd, "Dark Side of the Moon". Voll ausgespielt.

Die Götter sind mit mir.

Nach zwanzig Minuten angenehmen cruisens haben wir die homebase des Mädchens gefunden.

Sie ist wirklich sehr nett. Und witzig, charmant geradezu. Auf eine unaufdringliche Art und Weise... Wir unterhalten uns prächtig, sie schlägt vor die Karre zu hijacken und einfach abzuhauen...

Aber: sie ist NIEMALS seine Tochter... sie ist wohl eher niemandes Tochter (ahne ich), und der Tank ist fast leer...

Abgesehen davon hijacke ich nur vollgetankte Autos die ein Stern ziert, mit Mädchen für die es sich zu sterben lohnt...

 

Der Rest der Weltenlenker wartet schon, ungeduldig, auf ihr Kind (den Audi), als wir auf das Anwesen(!) einbiegen.

Der "Tochter" fällt plötzlich auf, dass sie ihr Handy liegenlassen hat, im ´Vinum Italicum´.

"Dreh´um!", schreit sie.

Ist ja nicht so einfach, wo wir schon gesichtet wurden.... würde ich jetzt ohne Erklärung dem Besitzer gegenüber (von welchem Schlitten auch immer) mit beiden abhauen, gäbe es keine massive Truppenbewegung der Bundeswehr in Richtung Afghanistan sondern eher gen Wolfenschweig.

Also instruiere ich die Halbglatze über die Situation.

Er hasst mich.

Er hasst sie.

Vor allem aber hasst er seine Frau, glaube ich.

Ausserdem ist er rotzbesoffen.

Also lässt er uns ziehen, in Ermangelung anderer Optionen.

 

Und so darf ich nochmal 25l auf 10km verbraten und tue es mit einer Inbrunst, die ihresgleichen sucht.

Neben mir ist es eigenartig ruhig geworden, und so wende ich (mit Widerwillen) mein Haupt ab von den blinkenden, bunten Anzeigen und dem herrlich spröden Arroganzgefühl, das sich bei 400PS und Xenonlicht unweigerlich einstellt...

Tränen rinnen über ihre Wangen.

"Was´n los?"

"Ja, hast Du´s nicht gesehen?", schluchzt sie.

"Was denn?"

"ER ist sauer. Das heisst n´Extraritt und Ärger ohne Ende..."

So. Von wegen Tochter.

Ja, ist gemein.

Aber sie war doch recht überzeugend, und sie verdient in einer Nacht mehr als ich in einem Monat.

Ich muss wieder verstohlen grinsen. Ausserdem: selbst gewähltes Schicksal, alter Fritz und so.

Der Rest ist Geschichte.

 

War halt´n Audi.

 

In fremden, grossen Daimlern erlebt man andere Dinge.

(Nicht, dass die weniger explizit wären...)...

aber es ist dann immerhin noch´n Daimler...

 

....und kein aufgemotzter Volkswagen....

 

Der Schneematsch zerstäubt unter den Reifen meiner Taxe, als ich sie dann irgendwann später wieder inbetriebnehmend auf Touren bringe.

"Gischt schäumt vor dem Bug wie Flocken von Schnee", zitiere ich halblaut, als ich mich erneut der Nacht zuwende, einer neuen Herausforderung entgegen, während mein Sender mir ungefragt (deshalb liebe ich ihn so) Antwort gibt auf das gerade erlebte: Road to hell, Chris Rea.

 

"Neumond", grinse ich.

"Wer redet denn bei Vollmond über Wahnsinn?".