Szenen einer Ehe - aber nicht von Bergmann

01.08.2001:
Wolfgang Raker aus Recke/Bremen

Diese Schicht sollte gut laufen, so hatten wir im Fahrerbüro gemutmaßt. Ich sitze jetzt schon geschlagene zwei Stunden im Wagen, und es tut sich nichts. Eine Fahrt bisher, einen Stammkunden zur Kneipe fahren - 2 Kilometer, vielleicht 3.

 

Ein alleinstehender, heruntergekommener Mann, soll früher mal ganz gut situiert gewesen sein, fettige Haarsträhnen, die seitlich am Kopf herunterfallen, die Hosenträger verrutscht, im Gesicht und auf dem Kopf dunkelrote Flecken, sich auf eine `Gehhilfe` stützend. "Holst mich so gegen 11 Uhr wieder ab, ja !" sagt er beim Aussteigen und bewegt sich in Richtung Eingang.

 

Ich fahre zum Stand zurück und habe den Abend in Gedanken bereits abgeschrieben, als über Funk kommt: "Bäumer, hinten auf dem Partyzelt melden, da wollen junge Leute weg." Das passt ja gut, denke ich, ich will auch hier weg...

 

Am Zielort angekommen stehen zwei junge Frauen und ein junger Mann an der Strasse und scheinen mich erwartet zu haben. Sie steigen ein, d.h. der junge Mann und eine der beiden Frauen hinten, die Andere vorne. "Wohin fahren wir denn ?", frage ich und die junge Frau neben mir erwidert: " Egal, fahr man los, hat das Treppenhaus noch auf ?" Das war mir zu ungenau, obwohl ich gerne zum Flughafen und zurück gefahren wäre, wenn sie verstehen, was ich meine... Nein, das wäre zu merkantil gedacht und ich glaube nicht, dass die Frau das so akzeptiert hätte.

 

"Du hast doch `n Handy, gib`mal her !"

"Moment mal, das ist mein Handy, und wenn Du telefonieren möchtest, dann kannst Du wenigstens etwas netter fragen, sind ja schließlich meine Gebühren", entgegne ich und wie aus der Pistole geschossen kommt`s zurück: "Stell`Dich nicht so an, gib schon her, will nur eben im Treppenhaus anrufen, ob die noch auf haben."

"Wie bist Du denn drauf, war wohl nicht so`n netter Abend, was ?", gebe ich zurück und sie schaut mich entgeistert an.

 

Da ich mich einer Kundin gegenüber zu weit vorgewagt hatte - schließlich sind wir im Dienstleistungsgewerbe tätig, gell - füge ich hinzu "...bist doch eigentlich eine ganz Nette".

"Woher willste `n das wissen", entgegnet sie und fügt hinzu "...nun stell`dich nicht so an, gib`schon her, ich zahl`das auch."

Ich will gerade das Handy nehmen (um es der jungen Frau zu geben, versteht sich, könnte ja ein Polizeikollege, der nach `ner teuren Scheidung ebenfalls Taxi fährt, lesen...), als der junge Mann bemerkt "Wir fahren nicht mehr in die Kneipe, wir steigen in Mettingen aus...." Die blonde, junge Frau neben mir antwortet nicht und schweigt, bis die beiden aussteigen. "Ciao, gute Nacht" "Gute Nacht, ich zahl`das schon, machen wir später mal klar."

 

Einen kleinen Moment ist es ganz still. Dann ergreife ich die Initiative und frage: "Und nun, wohin fahren wir beiden denn jetzt?"

"Ich hab`noch keine Lust nach Hause zu gehen. Weißt du, wer das gerade war?"

"Ne, ich kannte die nicht."

"Das war mein Ex, dann verstehst du vielleicht auch, wieso ich eben so zickig war!?"

"Wie bist du denn drauf", antworte ich, " fährst mit deinem Ex und seiner neuen Flamme zu `ner Party und bringst die auch noch nach Hause, bist du auf`m Masotrip oder nur durchgeknallt !" Diese Sprache scheint sie zu verstehen, denn nun geht`s etwas sanfter weiter...

"Ne, wir haben gemeinsame Freunde, und da war halt `ne Fete, haben uns da getroffen, kann man nichts machen. Das war nicht seine Neue, sondern meine Schwägerin, die Neue war nicht da. So`n Scheiß aber auch, zwei Jahre lang jede freie Minute den Arsch auf`n Bau geschoben, vor zwei Jahren geheiratet, richtig in Weiß, mit Kirche und großer Feier und so. Und dann fängt der kurz nach der Hochzeit `was mit der Neuen an." Das klingt verbittert.

"Auseinander gelebt, was ?"

"Ja, hat er so gesagt, ist mir auch jetzt egal, tut nicht mehr so weh."

"Scheint in Mode gekommen zu sein, dies `Auseinander gelebt`", sage ich und frage "Habt ihr denn nicht miteinander gesprochen, sowas kommt doch nicht über Nacht, sowas merkt man doch ?!"

"War ja kaum Zeit da, nee, ich hab` nichts gemerkt. Wohne jetzt wieder allein, das Haus ist weg. Fange wieder an zu leben."

Billige Tröstungen liegen mir eigentlich nicht, doch in diesem Moment habe ich das Bedürfnis, diese junge Frau aufzumuntern.

"Das dauert nicht lange, bald wird ein neuer Kerl auf der Matte stehen und alles ist vergessen, siehst ja ganz nett aus". Sie schaut mich an, lächelt und sagt:"Fährste mich zur `Aura`, ich hab`noch Lust was zu unternehmen. Stell` doch Deinen Wagen ab und komm mit. Wir machen uns `nen schönen Abend. Ich hätte Lust dazu, komm!"

 

Vor 10 Jahren hätte ich wahrscheinlich verschwiegen, dass ich in einer festen Beziehung lebe und hätte mir diese Nacht gegönnt. Alleinstehende Frauen auf Freiersfüsschen, kurz nach einer Scheidung, das ist sowas wie ein Garantieschein... Heute mache ich das, was immer in solchen Fällen ernüchtert: "Nee, lass`man gut sein, ich muß noch `n bißchen was tun und morgen will ich mit meinen Kindern und meiner Frau etwas unternehmen."

"Ach so, naja, warst ganz nett, gute Nacht noch. Was kriegst du jetzt?"

"35,00 DM!" Sie gibt mir zwei Zwanziger mit der Bemerkung "Stimmt so" und hastet aus dem Wagen in Richtung "Schüttelbunker".

 

Als ich bei Mc Donalds stehe und auf meinen Kaffee warte denke ich "Times they`re changing", da hatte der alte Dylan wohl Recht. Aber die Menschen bleiben immer die selben - Jäger und Sammler...

 

(c) 2001 by Wolfgang Raker