Schnösel

01.04.2001:

Wolfgang Raker aus Recke/Emden


Eine sehr kurze story, die allerdings ein Licht auf jene Zeitgenossen wirft, die noch nicht so recht viel vom Leben wissen...


Wie gesagt, wir fahren ( ...in diesem Falle muss ich das Präteritum nutzen und sagen `wir fuhren `, denn ich fahre seit dem Überfall der `Schnellen Eingreiftruppe des Zoll` auf die Taxifahrer in Osnabrück nicht mehr in Osnabrück...) mit GPS, und unsere Aufträge kamen über`n display `rein. Das sah dann so aus: `Wintergarten,st.dr.,m` Das bedeutet : `Am oder im Cafè Wintergarten steht eine Person männlichen Geschlechtes draußen.` O.K., dann man los!


Angekommen erwartet mich bereits ein chickes Pärchen, `Er` etwa 23/25, `Sie` schlecht zu schätzen, wie so oft bei den Frauen. Für`n one night stand sah er zu `bubihaft`aus, sie schien schon eher so drauf zu sein, aber bei näherer Betrachtung vermittelte sie dann auch den Eindruck einer Tochter `aus gutem Hause`, eines jener Mädels, die zwar etwas auf sich halten und recht emanzipiert daherkommen, letztendlich aber auch lieber `frisch gev... ` auf `nem weißen Ledersofa im vom `Daddy` gezahlten Appartment aufwachen, als im ordinären Bett neben einem `Philosophen`...
Die beiden steigen ein,`Sie hinten `, `Er` vorne und geben lustlos ihr Ziel an.


Nach wenigen Kilometern mustert der Knabe mich und kann es sich nicht verkneifen:`Ist mir schon lange nicht passiert; ein Taxifahrer im Sakko...` Wenig später, nachdem er offensichtlich ein Buch neben uns entdeckt hat: `Ach, sie lesen ?` Selbstverständlich nimmt er ohne zu fragen das Buch in die Hand und versucht interessiert zu schauen. Das interessiert mich nun doch, und ich frage zurück, ob das so überraschend für ihn sei. Er glaubt, in mir einen `untypischen` Taxifahrer erkannt zu haben und findet einen soziologische Bücher lesenden Taxifahrer ausgesprochen ungewöhnlich.


Das arrogante, lebensferne Getue geht mir nunmehr so auf den Sack, dass ich entgegne, das sei gar nicht so ungewöhnlich und zurückfrage, ob er glaube, alle Taxifahrer seien ungebildete Zeitgenossen ?! So weit wolle er nicht gehen, aber das sei doch recht untypisch für einen Taxifahrer, ob ich das ernsthaft bestreiten wolle? Ich sehe durchaus, dass der Knabe seiner Angebeteten etwas beweisen muß, schließlich will er als angehender Jurist (2. Semester, hat er angemerkt !) eimal was werden, und da muß man so einer jungen Dame gegenüber schon `auftreten` und was zeigen-mangels beruflicher Leistungen wenigstens rhetorisch!


Ich kann`s dann doch nicht lassen und frage zurück, ob er eigentlich wisse, wieviel akademisch ausgebildete Taxifahrer es gebe, gerade unter Juristen und Soziologen, von Lehrern ganz zu schweigen... Damit hat er nicht gerechnet. Kleinlaut nimmt er sich zurück:`Naja, war nicht so gemeint !` Die beiden steigen dann bald aus und schlendern engumschlungen ins Haus seiner Eltern. (...nehme ich mal an) Da fiel mir der Song von K.Wecker ein, in dem es sinngemäß hieß, man habe sich geschworen, nie wieder einen Dichter einzuladen, nachdem man dies zunächst chic gefunden, dann aber bereut hatte, weil die Dame des Hauses mit einem `Dichter` herumgemacht hatte. So ist das wohl!


Der junge `Schnösel` wird solch ein Mädel aus gutem Hause irgendwann seine Gattin nennen, nachdem die beiden ordentlich das Staatsexamen bestanden und erste berufliche Erfahrungen gesammelt haben. Dann werden sie in den Stand der Ehe treten, ein paar Kinder in die Welt setzen und langweilige Paries geben. Auf denen werden die Herren über `alte Zeiten` und den Job reden, die Gattinen über das `Kinderkriegen` und Design oder Kunstgeschichte. Irgendwann wird die eine oder andere Dame es bereuen, nicht mit einem Taxifahrer, Dichter oder Philosophen geschlafen zu haben, denn das Leben neben ihrem Gatten ist stinklangweilig.


Sie wird dann - wie bei Wecker - zu Parties Dichter oder Philosophen einladen, und das fürchterlich chick finden, oder sich irgendwann von ihrem `Langweilergatten` trennen, alleine leben und sich von einem arbeitslosen Literaturwissenschaftler Gedichte vorlesen und v... lassen...