Political Correctness mal anders

01.09.2001:
Wolfgang Raker aus Recke/Bremen

Die beiden jungen Leute in meinem Wagen waren Erstsemester, allerhöchstens Drittsemester, denn ihren Dialogen nach zu urteilen gab es noch eine Menge zu lernen... Er, so um die 20, Typ Kriegsdienstverweigerer mit immer leicht betroffenem Blick, sie nicht älter als 25, Typ sozial engagiert und ebenfalls vom Elend dieser Welt `unheimlich betroffen`...

 

Die beiden kamen von der Uni Vechta, jener Hochschule, die früher einmal `Universität Osnabrück Abt. Vechta hieß und ganz nebenbei in die akademischen Schlagzeilen geriet, weil ein bekennender `Rechter` und Angeklagter wegen Volksverhetzung, dort Vorlesungen gehalten hatte, in `Politikwissenschaften`, oder war es `Soziologie`? Heute bildet man dort hauptsächlich Lehrer und Sozialpädagogen bzw. -arbeiter aus. Von dieser Fraktion mußten die beiden stammen, dachte ich mir.

 

"Du, irgendwie fand ich das heftig, wie die da bei der Wohnungsvermittlung mit dem Typen `rumgesprungen sind."

"Ja,echt,ich auch, irgendwie schon. Kommt da in `n fremdes Land, wird da behandelt, wie`n Aussätziger, als wär er `n Verbrecher. Rassismus halt."

"Das haste immer wieder, aber das kennt man ja, irgendwie, Faschisierung des Alltags, irgendwie schon."

"Ich denke dann immer an unseren Urlaub in der Türkei vor vier Jahren, die Leute waren echt nett, gastfreundlich ohne Ende, haben uns eingeladen, obwohl wir fremd waren, total fremd. Ist echt krass. Und wie behandeln wir die Leute hier !"

"Ja, wie Verbrecher."

 

Die beiden warfen sich ihre politisch korrekten Bälle zu, dass es eine Wonne war, ihnen zuzuhören. Irgendwann, so nach dem 135. `irgendwie echt krass`, fragte ich interessiert: "Was war denn mit dem Typen bei der Wohnungsvermittlung?" Das haute die beiden geradezu um, dass sich ein ganz gewöhnlicher Taxifahrer für die Belange eines vom System Geknechteten und sozial deklassierten interessierte. Echt basisbezogen, ey!

 

Nun, die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Sie ergriff die Initiative, setzte ihren feministisch-sozial engagierten Betroffenheitsblick auf und sagte:

"Der war halt zum fünften oder sechsten Mal da, um nach `ner Bude zu fragen. Irgendwie schienen die was gegen den zu haben, weil die den immer wieder weggeschickt haben. Echt krass. Kam aus Algerien, glaube ich"

 

Ich war neugierig geworden: "Und was, glaubst du, könnte der Grund dafür gewesen sein?" fragte ich zurück. Jetzt meinte er, er müsse seinen Teil zur Aufklärung beitragen und erwiderte: "Die Verwaltungstante meinte, er sei bereits aus drei Appartments `rausgeflogen, wegen nächtlicher Ruhestörung oder so, und weil er halt ein paar Landsleute hat bei sich wohnen lassen, irgendwie. Sollen sich nich`so anstellen."

 

Auch auf die Gefahr hin, mein Image auf`s Spiel zu setzen, fragte ich weiter: "Das kann man doch verstehen, schließlich kriegt die Vermittlung unter Umständen von dem Vermieter keine Wohnungsangebote mehr. Der muß sich eben den kulturellen Bedingungen und Gepflogenheiten im Gastland ein bißchen anpassen, meint ihr nicht ?" Das war das Fanal! Ab sofort war ich `Ethnozentrist`,`Kulturchauvinist`´Rassist`und was es sonst noch in deren ideologischer Trickkiste gab.

"Was sol `n das? Wir können den Leuten doch nicht vorschreiben, wie sie leben sollen. Die müssen doch nicht ihre Kultur aufgeben und in unserer aufgehen. Wie bist du denn drauf ?!"

Sie setzt noch einen drauf: "Finde ich jetzt irgendwie scheiße von dir, aber bist wahrscheinlich auch gefrustet, weil `de nix anderes als Taxifahren gekriegt hast und jetzt glaubst, die Ausländer sind Schuld. Aber weißte, irgendwie sind wir überall Ausländer, oder ...?"

 

Mann Gottes, dachte ich bei mir, wie habe ich diese Typen satt! Als ich im ersten Semester war, haben die noch an ihrem Mofa herumgeschraubt oder Barbiepuppen gekämmt. Und dann fiel mir die story von der Frauen-WG in Osnabrück ein. Kurt, ein Schlawiener, businessoutfit inmitten der Links-alternativen Szene, hatte sich an drei Frauen `rangemacht, Gitta, Rosa und Hildegard. Die wohnten zusammen in einer Frauen-WG in unmittelbarer Nähe zum Schloßgarten. Kurt, der wie gesagt durch sein ungewöhnlich gepflegtes outfit auffiel und das Käfer Cabriolet, hatte in der Cafèteria was von bewaffnetem Kampf, Frankfurt und Gudrun Ensslin gefaselt und war den Dreien aufgefallen. Weibchen lieben Alphamännchen oder Rock-Musiker!

 

Nun, Kurt gab vor, eine Bleibe für ein paar Tage zu suchen und fand Gehör. Die drei waren eher dröge Mädels vom Lande (mit Ausnahme von Gila, die war ungewöhnlich sexy und verwegen) als straßenkampfbegeistert, dafür waren sie das, was man damals `frauenbewegt` nannte. Hildegart hatte es eher mit den `Mondphasen`und mit `Sex ohne Penetration`, Rosa war eine echte Ökotante, mit Vegetarismus und so, dafür rauchte sie kräftig. Er wohnte ungefähr zwei Wochen in der WG, war allerdings nicht jede Nacht da, ging an den Kühlschrank, bediente sich und lebte fröhlich vor sich hin. Die Drei fanden das ausgesprochen `stark`und hatten das Gefühl, einem Mitkämpfer für soziale Belange geholfen zu haben.

 

Nach einiger Zeit traf ich einen Studienkollegen, der mir erzählte, Kurt sei über Nacht verschwunden und werde polizeilich gesucht - allerdings weniger wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, als vielmehr wegen verschiedener Straftaten:

 

das VW Cabriolet hatte er einer Krankenschwester in München gestohlen
in Osnabrück im Schwesternwohnheim hatte er bei einer verständnisvollen Krankenschwester 200 Mark mitgehen lassen
Gila habe er um 300 Mark erleichtert

 

und der Hit sei, alle diese verständnisvollen, jungen Damen schämten sich, da sie nacheinander herausgefunden hatten, dass Kurt mit allen geschlafen hatte! Irgendwie heftig...

 

(c) 2001 by Wolfgang Raker