Lebenslinien

01.05.2001:
Wolfgang Raker aus Recke/Emden

Der Abend war ruhig. Nicht viel los in der Stadt. Na, mal sehen, was das heute wird...

 

9 Fahrer auf dem Platz und drei Unternehmer. Unser GPS-Signal reißt mich aus meinen Gedanken (...eben zu McDonalds? oder `n Espresso?) `Schinkeler Esch xx`weibl. st.dr.` Ton steht neben mir, wir schauen uns an, denken offensichtlich das Gleiche... Mal sehen! `Ciao, bis später.`

 

Am Zielort angekommen steht da eine nicht unattraktive Frau, so um die 50. Einen Korb über den Arm gehängt, so wie man es von Partygästen kennt, die alle einen Salat mitbringen...`

 

"Hallo !"

"Hallo, wohin soll`s denn gehen?"

"Quakenbrück".

 

Das fängt ja gut an! Quakenbrück, das sind ungefähr 50 bis 60 Kilometer. Da ist anschließend `n Kaffee bei McDodle angesagt... Los geht`s.

 

Sie schweigt zunächst, fängt dann aber zaghaft ein Gespräch an.

 

“Viel zu tun? Wie lange müssen Sie denn noch?"

 

Ich kenne diese nichtssagenden Dialoge, die nur eine Funktion haben - die Fahrtzeit nicht sprachlos zu verbringen; manchmal allerdings entlasten sie auch den Fahrer oder den Fahrgast... Postmoderne Begegnungen!

 

Im Korb befinden sich keine Salate, auch keine selbstgemachten Konfitüren oder sowas Partygängiges, sondern Leggins und ein T-Shirt ... War wohl beim Sport, oder fährt zum Kegeln, denke ich, als sie mit einem entschuldigenden Unterton beginnt... "Club Royal, bitte !"

 

Sie muß mein Erstaunen bemerkt haben. "Ich mach`das nur nebenbei, hab`keine andere Möglichkeit, an Geld zu kommen. Bin geschieden, mein Ex-Mann ist weg, ich war in`ner Fabrik, Teilzeit, hab`sonst nichts gelernt, wollte das Haus halten, als er ging, schon wegen der Tochter."

"Was machen sie, wenn ich fragen darf, oben ohne bedienen, mit fremden Männern ins Bett gehen für Kohle, oder was ?"

"Ich bin da so `reingeschliddert, zuerst war`s `ne Überwindung, dann war`s nicht mehr so schlimm... "

"Und dann hat`s angefangen, Dir Spaß zu machen ?" frage ich zurück.

"Nein, Spaß sicher nicht. Aber es bringt Geld...”

 

Unterwegs erzählt sie mir dann, dass sie den Job nur eine gewisse Zeit machen wolle, und dass die Einkommensmöglichkeit nicht zu vergleichen sei mit ihren vorherigen Jobs.

Ich frage, weshalb sie in einem doch relativ entfernten `Laden` arbeite, merke aber sofort, dass ich diese Frage hätte selbst beantworten können.

"Die Nachbarn dürfen das natürlich auf gar keinen Fall `rauskriegen´, dann wäre ich geliefert. Wir wohnen nämlich in einer ganz ordentlichen Gegend, wissen sie, und meine Tochter - gar nicht auszudenken... Ich fahre halt zu einer alten Dame, deren Sohn und Schwiegertochter mal ausgehen möchten, wenn sie wissen, was ich meine..."

 

Am Zielort angekommen lächelt sie mich an und bittet mich, kurz mit herein zu kommen, denn die Hausdame bezahle die Tour. Im Club das gewohnte Bild, abgedunkeltes Licht, Plüschtapeten, dunkelroter Teppichboden, an der Decke so eine Kugel, die das auftreffende Licht in den Raum wirft, im hinteren Teil der Bar ein Durchgang - wohl zu den Separès... Hier hätte ich gerne ein paar Gläser getrunken, aber der Job ruft.

 

Als ich kassiert habe schaue ich mich noch einmal um und sehe meinen Fahrgast in einem Zimmer, dessen Tür geöffnet ist, vor einem Stuhl stehen, dunkler `Body`, über das linke Bein dunkle Netzstrümpfe ziehend... Ich verlasse das Lokal und denke beim `Rausgehen, wie sie das macht - eben noch die biedere Nachbarin, deren Tochter so wenig von ihrem `Job`weiß wie Freunde, Verwandte, Bekannte oder Nachbarn, wenig später die Prostituierte, die sich für ihre Kunden stylt.

 

Was mag sie empfinden, wenn völlig fremde Männer an ihre Brust, zwischen ihre Beine greifen und ihr für Bares lustvolles Gestöhne entlocken wollen... !? Nun, sie wird ihren `Job` machen, mit ein paar Hundertern in der Tasche ein Taxi rufen, sich wieder `ordentlich` zurecht machen und in ihre Normalität zurückkehren... So einfach ist das !

 

(c) 2001 by Wolfgang Raker