Hardenbergstraße 3a, auf den Namen Hechler

01.09.2001:
Andreas Meyer aus Oldenburg

"Hardenbergstraße 3a, auf den Namen Hechler."

 

Es regnete in Strömen und ich war gerade im Prinzessinweg freigeworden. Ich hatte mich schon darauf eingestellt, rückwärts eine Einfahrt zum Hinterhaus in der Hardenbergstr. zu nehmen, jedoch sah ich den älteren Herren trotz Regens bereits an der Straße stehen. Heller Trenchcoat, sehr gepflegt, nüchtern und ziemlich alt, ohne Gehhilfen.

 

Er stieg sofort ein, so daß ich gottseidank nicht genötigt war, selbst auszusteigen und ums Auto herumzulaufen, denn ich hatte nur Sandalen an und immer noch ein bißchen Schnupfen. Zu Schichtbeginn hatte noch die Sonne erbarmungslos auf die Taxidächer geknallt.

 

"Ich muß zu ... oh, wie heißt die Straße noch, hab ich doch schon wieder vergessen." "Ist dort ein Geschäft oder möchten Sie in eine Gaststätte?", fragte ich ihn. "Nein nein, ist hier ganz in der Nähe, ich will einen Freund besuchen", und sprang ruckzuck wieder aus dem Auto. Er ging dann doch relativ langsam und vorsichtig die Einfahrt hoch, zur 3a.

 

Auweia, das konnte ja noch heiter werden, und dann nur um die Ecke, aber er ist ja ganz nett und sympathisch. Also doch rückwärts die Einfahrt hoch wie geplant, möglichst so geparkt, daß sofort erkennbar ist, auf welcher Seite sich die Beifahrerseite befindet und Motor aus. Es dauerte nicht sehr lange und er stieg wieder ein. "Tirpitzstraße 8, sagt meine Frau."

 

Na prima und los gings, hatte eine kürzere Strecke erwartet, zur Gneisenau oder so. In der Tannenstr. fragte er das erste Mal: "Sind wir schon in der Tirpitzstrasse?" Den Straßennamen hatte er bis hierhin noch behalten, so schlecht ist er ja doch noch nicht gestellt, dachte ich. "Nein, wir sind in der Tannenstrasse, biegen jetzt in den Rummelweg und kommen danach in die Tirpitzstrasse." "Ach ja, stimmt ja auch, wissen Sie, ich bin so furchtbar vergesslich geworden", sagte er und lächelte mich dabei freundlich an. Wir kriegen das schon hin, wollte ich gerade sagen, als ich in die Tirpitzstrasse einbog und es mir angesichts der Dobbenwiese schlagartig klar wurde: Die Hausnummer 8 kann es hier gar nicht geben, es sei denn, damit ist ein Entenhäuschen im Dobbenteich gemeint. Also: Nummer 21,17,13,7 und stop. "Tut mir leid, aber Hausnummer 8 gibt es hier nicht, wenn doch, dann wäre das Haus auf der anderen Seite gewesen und inzwischen im Dobbenteich versunken." "Auweia, hab ich schon wieder was vergessen!" Er lächelte schon wieder und hielt so auch mich bei Laune. "Wissen Sie denn, wie Ihr Bekannter heißt?", fragte ich. "Jaaaa, äh, Ho..., Heu..., Heul..., wie war bloß der Name." Glücklicherweise gehöre ich zu den trendy Handybesitzern. "Vielleicht können wir Ihre Frau anrufen und nochmal nach der Hausnummer fragen", und griff zum Telefon. "Wissen Sie ihre Telefonnummer?", fragte ich zögernd, mit dem schlimmsten rechnend. Doch sie kam wie aus der Pistole geschossen: "51723". Ich wählte, während mein Fahrgast noch laut nachdachte: "Oder doch 57123, oder ..." Ich blieb bei der ersten Nummer. Tuuut, tuuut, tuuut ... "Hoffentlich hört meine Frau das Telefon, sie ist nämlich ziemlich schwerhörig". Tuuut, tuuut, tuuut.

 

So langsam amüsierte mich die Geschichte, und ich empfand es als echte Herausforderung, sie zu einem guten Ende zu bringen. Tuuut, tuuut, tuuut. "Ja, hier Hechler." "Guten Abend, ich bin der Taxifahrer, der Ihren Mann gerade abgeholt hat und in die Tirpitzstrasse 8 fahren sollte. Die Hausnummer gibt es jedoch nicht und ..." "Geben sie mir doch mal bitte das Telefon. Danke. Du, Schatz, guck doch mal bitte auf meinen Schreibtisch, da liegt ein Zettel mit der Adresse. Ja, danke. Ach, wenn ich nur nicht so vergeßlich wäre! (lächel) Ja? Hausnummer 9? Und wie heißt er noch? Heugabel? - Ach ja. Danke mein Schatz und bis später, tschüss." Inzwischen war ich rückwärts zur Nummer 9 vorgefahren. "Sieben Mark und vierzig sind's bitte". Erleichtert lächelte er mich (wieder) an, drückte mir einen Zehner in die Hand, wir bedankten uns beide, wünschten uns einen schönen Abend, und er stieg frohgemut aus. Es hatte gerade aufgehört zu regnen.

 

Oh, Oh, dachte ich, selbst schuld, diese Fahrt hätte wesentlich unkomplizierter verlaufen können (allerdings auch weniger amüsant), wenn ich als ortskundiger Fahrer schon in der Hardenbergstrasse darauf hingewiesen hätte, daß es die Tirpitz 8 nicht geben kann. Hatte ich in dem Moment doch glatt vergessen. So fängt das an.

 

(c) 2001 by Andreas Meyer