Gesehen und gesehen werden mal anders

01.06.2001:
Wolfgang Raker aus Recke/Emden

Nachdem ich mehrere stories aus dem Taxifahrer-Dasein in Städten geschrieben habe, hat es mich auf´s Land verschlagen; ich fahre meistens einen schönen, alten Benz (...da ist Autofahren noch ein sinnliches Erlebnis...) und kann es ein wenig ruhiger angehen lassen.

Sollte ich jemals für den Entwurf einer Flagge oder eines Symbols verantwortlich zeichnen, dann würde da ganz bestimmt kein Hammer oder ein Amboß abgebildet, sondern eher eine Hängematte und ein Esel... Wenn Sie wissen, was ich meine ?!

 

Aber auf dem Lande toben die Leidenschaften ebenso heftig wie in den Straßen und Kneipen der Städte, nur kommt hier das Problem der fehlenden Anonymität ins Spiel. Auf den Punkt gebracht: Wer hier in Ermangelung eines erfüllten Sexuallebens das Bedürfnis verspürt, käufliche Liebe in Anspruch zu nehmen, der muß a) in die nächst größere Stadt fahren und b) auf absolute Diskretion seitens des Fahrers vertrauen können, denn den kennt man mit großer Wahrscheinlichkeit.

 

Man muß sich das einmal vorstellen: In irgendeiner Bank oder einem Supermarkt:

`Guten Tag, Herr Müller, wie war das Wochenende...?`

`Danke, kann nicht klagen.`

`Ja, man braucht schon ein bißchen Entspannung, gell ?!`

...

Nein, Diskretion ist Ehrensache!




"Toni 7, fährst du einmal zum Grasmückenweg xx, wartet draußen !"

"Ja,Grasmücken xx, alles klar!"

 

Der Benz zuckelt los,aus den Boxen `Raiders on the storm-Raiders on the storm...`

Vor dem Haus Grasmückenweg xx steht ein junger Mann, so um die 30. Kaum steht der Wagen, da reißt er die Beifahrertür auf und schaut mich besorgt an.

`Wohin soll`s denn gehen ?` Im Dorf war nicht viel los, nur ein paar Feten in verschiedenen Lokalen. `Ich muß mit Dir vielleicht eine längere Tour machen, ich muß meine Frau suchen, die ist mit `m Rad unterwegs. Ihre Kollegin hat angerufen und gefragt, ob sie schon zu Hause ist, ist sie aber nicht...`

`Na, bleib`mal ruhig, wahrscheinlich hat sie sich festgequatscht`, entgegne ich, und er wirkt sichtlich erleichtert.

 

`Wo kommt sie denn her ?`, war meine nächste Frage, und er deutete an, seine Frau komme aus einem Lokal außerhalb des Dorfes. Mir fiel sofort eine Route ein, die ich genommen hätte und erkläre dies dem besorgten Ehemann. Wir fahren los, sehen allerdings keine Frau auf einem Fahrrad. Als ich, schon außerhalb des Ortes, an einem Zaun nach Links abbiege, sehe ich im Scheinwerferlicht zwei abgestellte Fahrräder, an den Zaun gelehnt in eindeutiger Pose eine junge Frau und ein junger, gut aussehender Mann...

 

Mein Fahrgast hat gerade in die andere Richtung geschaut und ist offensichtlich nur wegen meiner Reaktion aufmerksam geworden. `Scheiße !`, denke ich und kann nichts mehr ungeschehen machen. `Fahr mal `n Stück zurück,` forderte er mich auf, und in meinem Kopf lief ein Film ab. Ich dachte an einen Studienfreund, der in einer ähnlichen Situation einen Liebhaber seiner Freundin kraftvoll aus der Wohnung geprügelt hatte, vom zweiten Stock ins Freie, die Klamotten hastig übergeworfen, man kennt das ja aus alten Filmen... Oder die Nummer mit dem Syrer, der seinem Nebenbuhler die..., sagen wir`s dezenter, der seinen Nebenbuhler unfachmännisch urologisch operiert hat... Nein, daran wollte ich nicht denken, außerdem war das ja noch verhältnismäßig harmlos ! Aber mal im Ernst, ich stellte mir schon die Frage, wie ich reagieren würde, wenn er die Frau schlagen würde, oder die kontrolle über sich verlieren würde. Das ist kein Spaß mehr.

 

Der `betrogene` Ehemann stieg aus, ging auf die beiden zu - sie hatten sich bereits voneinander gelöst - und sprach mit dem Mann, ganz entspannt im Hier und Jetzt. Offensichtlich hatte er im Vorbeifahren nicht mitbekommen, was ich gesehen hatte. Der junge Mann erklärte, es bestehe kein Grund für Mißtrauen, das alles sei `nicht so, wie er vielleicht denke...`, und er habe sie nur begleitet und sich um sie gekümmert, als sie von der Straße abgekommen und hingefallen sei. Sonst sei da nichts passiert.

 

Sie hatte sich bereits vorne in den Wagen gesetzt. Während die beiden Männer noch miteinander sprachen, schauten wir uns an. Sie ahnte, was ich dachte, und ich bemerkte `Scheiß Situation, was ?!` Sie entgegnete nur `Das kann man wohl sagen !` und schaute sich genervt um. Der `Nebenbuhler` machte sich langsam auf den Weg, nachdem die beiden ihm angeboten hatten, ihn ein Stück mitzunehmen. Ihre Fahrräder ließen die beiden stehen. Wir fuhren dann schweigend zum Ausgangsort zurück. Die beiden stiegen ungefähr einen Kilometer vor ihrem Zuhause aus und gingen schweigend weiter, er ein paar Meter vor ihr, sie sichtlich angetrunken hinterher.

 

Ich habe mich gefragt, ob er wirklich nichts gesehen hat, oder nichts sehen wollte. Er tat mir auf eine unerklärliche Weise leid, denn ich hatte gespürt, dass er sich ernsthaft Sorgen um seine Frau gemacht hatte.

 

Als ich zwei Wochenenden später vor einem Partylokal stand, um Fahräste aufzunehmen, stieg dieser betrogene Ehemann ein und erkannte mich sofort. `Ach, fahren wir schon wieder zusammen. Viel zu tun heute...?`

`Geht so, ist nicht viel los heute...`

`Man macht sich ja Sorgen, wenn die Frau alleine mit dem Rad unterwegs ist, und wenn die Kollegin anruft, ob sie schon zu Hause ist, dann ganz bestimmt, wa ?! `

`Ja, das kann ich verstehen, würde mir genauso gehen.`

`Komm`ste mit, `ne Bratwurst essen, ich geb`einen aus ?! `

`Nein, danke, ist nett von dir, aber ich muß los.`

 

(c) 2001 by Wolfgang Raker