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01.03.2001:

Wolfgang Raker aus Recke/Emden


“BF., 2 FL. Freixenet o.a., Am Rüdenbach xx, bei xxx, n.k., hinten i. Garten, Terr.” Das heißt, ich soll für einen Kunden an der Tanke 2 Flaschen Freixenet holen und die zur besagten Adresse bringen, nicht klingeln, sondern im Garten irgendwo auf einer Terrasse erkennbar abstellen...

“Ach”, schießt es mir durch den Kopf, `das wird der Kerl sein, der die Besorgung über die Terrasse gebracht haben will, und bei dem es - betritt man das Wohnzimmer - aussieht wie nach einem Bombenangriff, und wo es wie im Pumakäfig stinkt...

Sind wir eigentlich `streetworker`, delivery service oder was ? Als Taxifahrer ist man wohl Vieles. Ich habe mir schon oft Gedanken über die Vielseitigkeit dieses Jobs gemacht. Erst kürzlich habe ich im Internet einen Essay über den `Postmodernen Taxidriver` gelesen. Die Kürze der Begegnung, das Taxi als moderner Beichtstuhl oder Raum zum anonymen Gespräch...

Freixenet hatten sie bei ARAL nicht, "Henkel Trocken geht auch", denke ich und fahre los. Die Zieladresse liegt in einem bürgerlichen Viertel, 60-er-Jahre Häuser mit Vorgärten und Garage. Hinter den Häusern Rasenflächen mit stattlichem Baumbestand. Hier wohnen Mittlere und leitende Angestellte, Freiberufler. Die Gegend ist sicher nicht billig, aber noch nicht `Westerberg`...

Neben der Eingangstür hängt ein Schilde `Dr. xxx - Rechtsanwalt Notar` Es ist eines dieser Schilder, wie sie in guten Vierteln des öfteren zu finden sind, Weiß mit schwarzer Schrift, emailliert. Der Zahnarzt aus meiner Kinderzeit hatte auch so`n Schild am Haus hängen. Darauf hätte aber ebenso gut stehen können `de Sade-Quäler`...

Nicht klingeln, hinten herum in den Garten. Auf der Terrasse könnte man eine Party feiern, Grillen oder im Sommer in der Sonne liegen. Der Garten muß früher einmal gepflegt gewesen sein, hier haben bestimmt mal Kinder gespielt und Hunde Knochen vergraben. Jetzt sieht er verwildert oder sogar heruntergekommen aus.

Ich drehe mich um und sehe neben einer zur Seite gezogenen Gardine einen Mann im Rollstuhl sitzen. Beige-brauner Pullover, ein hellblaues Hemd darunter, der Kragen sauber über den Ausschnitt gezogen. Die Haare etwas fettig, aber sauber gekämmt. `Keine Frau im Hause`, würde meine Mutter sagen. Ich gehe auf ihn zu und trete neben den Herrn im Rollstuhl. Plastiktüte und Geld haben schnell den Besitzer gewechselt, ganz kurz nur begegnen sich unsere Blicke.

Der Kerl tut mir leid. Er wirkt so hilflos, so allein gelassen. Ich frage ihn, zu welchem Thema er promoviert habe, und er schaut mich an, als habe er morgen Geburtstag. `Internationaler Kapitaltransfer`, entgegnet er. Zumindest meine ich mich an diese Begriffe zu erinnern. Ob mich das interessiere, fragt er nach. Ich entgegnete, dies wäre schon interessant, und ich würde auch gerne promovieren, irgendwann...

Als ich mich umsehe, bietet sich ein Bild des Grauens - herumliegende Zeitungen, Pappschachteln, Stifte, leere Flaschen in den Ecken... Verwahrlosung nennt man das wohl.

Der `Kerl` scheint meine Eindrücke zu erahnen, kommentiert aber nichts. Unsere Blicke sprechen Klartext, `nonverbale Kommunikation` nennt man das wohl. Er hat offensichtlich resigniert, scheint sich eingerichtet zu haben in seiner Welt. Ich gehe dann, verabschiede mich höflich und lächel ihn im Weggehen an.

Als ich in den Wagen steige, geht mir ein Strom von Gedanken durch den Kopf. Habe ich ein Recht, aus meiner Perspektive zu urteilen? Wie ist `der` dahin gekommen? Klischees taugen nichts in der Soziologie, hier auch nicht! Schlechte Kindheit, eine Behinderung, mit der man nicht fertig wird, vielleicht Verzweiflung? Ist das `Milieu`, in dem er sich eingerichtet hat, möglicherweise ein selbstgewähltes in demonstrativer Abkehr von bürgerlicher Ordnung und verordneten Lebensstilen...?

Ich gebe den Fahrpreis ein und melde mich `frei`, fahre zur Zentrale zurück. Im Fahrerbüro erklärt man mir, die Wohnung dieses Kunden müsse man nicht mehr betreten, es sei in Ordnung, die Tasche auf die Terrasse zu stellen. Wer es nicht wolle, müsse den Auftrag überhaupt nicht übernehmen. Gezahlt werde per Rechnung. Anweisung vom Chef.

Wochen später hängt im Fahrerbüro ein `Aushang `: Aus sozialen Gründen sei Herr RA und Notar xxx wieder zu beliefern. Anweisung vom Chef.

Ich frage mich, welche `sozialen Motive` das wohl sein könnten. Ernstnehmen kann ich das nicht !